Gegen diesen Text habe ich mich lange gewehrt. Jetzt sollen also die jungen Ossis schreiben, wer sie wirklich sind. Und die Wessis sollen ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall mitbekommen, was das für Menschen sind, die zwar hinter der Mauer geboren, aber im geeinten Deutschland aufgewachsen sind. Ich halte diese Ost-West-Vergleiche für überflüssig.

Meine Generation, das sind nicht nur gebürtige Ossis. Das sind auch Menschen aus Hamburg oder Heidelberg. Uns stehen einzigartige Herausforderungen bevor: der digitale Umbruch, der demografische Wandel, die Klimakatastrophe, die Staatsverschuldung. Wir haben andere Sorgen, als veraltete Ost-West-Klischees abzuschaffen.

Neulich habe ich mein ältestes Fotoalbum rausgekramt und geschaut, wie ich aussah in der DDR, als ich gewickelt wurde, als ich mit meinem Bruder vor dem Hühnerstall spielte, als der Weihnachtsmann uns eine Autorennbahn schenkte. Glücklich sah ich aus. Ich erinnere mich nur an fast nichts. Heute unterscheide ich mich von Westdeutschen so wie von Süddeutschen oder anderen Ostdeutschen.

Laut Statistik ist die Demokratiezufriedenheit in wirtschaftlich schwachen Gegenden, also auch in Teilen Ostdeutschlands, geringer. Das Wahlverhalten unterscheidet sich, viele Ossis wählen die Linkspartei, so wie viele Bayern die CSU wählen. Wir leben in anderen Welten, jeder in seiner, und das ist gut so.

Meine Kindheitswelt liegt in einer Kleinstadt in Norddeutschland, 30 Kilometer bis zum Strand, 15 bis zur Grenze. Mein Großvater arbeitete bei der LPG. Wenn ich neben ihm in seinem Traktor über die Felder getuckert bin, durfte ich manchmal lenken. Die Bauern sprechen in Nordwestmecklenburg alle Plattdeutsch, genau wie die Bauern in Südostholstein.

Meine Eltern und Großeltern hatten mit der SED nichts am Hut. Sie sind in etwa so unpolitisch wie die Eltern meines Kumpels Robert. Der ist ein Wessi. Wir kennen uns seit 13 Jahren, haben zusammen studiert, Frauen abgecheckt, gemeinsam Urlaub gemacht und auch oft gestritten. Aber eine Ost-West-Kluft gab es zwischen uns nie.

Am Wochenende habe ich ein Experiment gemacht: Ich bin mit dem Fahrrad auf der ehemaligen Ost-West-Grenze entlanggefahren, mal auf der einen, mal auf der anderen Seite, im Norden Berlins. Bei jedem Radfahrer oder Fußgänger, der mir entgegenkam, versuchte ich zu erkennen, ob er links oder rechts dieser Grenze geboren wurde. Vier von ihnen fragte ich. Einmal lag ich richtig.

Man könne nicht mehr unterscheiden, ob junge Deutsche aus dem Osten oder aus dem Westen kommen, sagte Angela Merkel schon vor fünf Jahren, zum 20. Mauerfall-Jubiläum. Ich glaube, sie hat recht. In Deutschland steht keine Mauer mehr, auch nicht in den Köpfen junger Menschen. Man könnte sagen, sie wurde abgetragen, Stein für Stein.

In einigen Jahren wird "der Ossi" ganz aussterben. Wenn die Medien ihn denn lassen. Dann könnten wir zu Leuten, die aus dem Vogtland stammen, Vogtländer sagen, Thüringer zu Thüringern und Mecklenburger zu Mecklenburgern. Die meisten meiner Freunde würde das freuen.

Eine repräsentative Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach ergab schon vor zwei Jahren, dass in Ost und West die absolute Mehrheit des Behauptens von Unterschieden überdrüssig ist. Die meisten Menschen fühlen sich mehr als Deutsche denn als Ost- oder Westdeutsche.

Ich frage mich nur: Wann kommt diese Realität auch in den Fernseh-, Radio-, Zeitungs- und Online-Redaktionen an? Könnte doch auch mal interessant sein, die Vermögensverteilung der Deutschen auf einer Karte in Nord und Süd zu unterteilen.

Im Willen, die alte Mauer zu finden, suchten die Kollegen von ZEIT ONLINE vor Kurzem sogar nach Ronnys. Ronny war in den Jahren 1975 bis 1983 der beliebteste Jungenname in der DDR. Die Journalisten ermittelten die aktuelle Häufigkeit des Vornamens je 10.000 Facebook-Nutzer und markierten die Ergebnisse auf einer Deutschlandkarte.

Ich habe einen Freund, der Ronny heißt. Als ich ihm von der Karte erzählte, sagte er: Ist doch klar, die meisten Ronnys leben heute noch da, wo ihre Heimat ist. Aber das bedeutet doch nicht, dass die DDR fortlebt! Dann fragte er, was denn eigentlich noch alles passieren müsse, bis wir ein Jubiläum des Mauerfalls feiern, ohne die Ronnys zu zählen.

Vielleicht müssten er und die anderen Ronnys erst alle ins Saarland ziehen, sagte ich.

Steffen Dobbert, 32, aufgewachsen im mecklenburgischen Gadebusch, arbeitet als Redakteur bei ZEIT ONLINE