Ich hatte das Glück, als Kind eine Revolution zu erleben. Plötzlich war Politik so spannend wie Fußball. Erich Honecker war gerade zurückgetreten, Egon Krenz hatte ihn ersetzt. Jetzt drängten sich fünfzig kleine Experten auf dem Schulhof. "Krenz wird sich auch nicht lange halten", piepste einer. "Als Nächstes kommt die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley."

Ein paar Wochen später fiel die Mauer. Uns Zehnjährigen eröffnete sich eine Zukunft ohne Pionierlager, FDJ-Hemden und Fahnenappelle. Die DDR war gestorben, bevor sie uns in ein Leben voller Verbote stecken konnte. Wir, so musste es scheinen, waren die erste Generation, die sich in nichts mehr von ihren Altersgenossen im Westen unterscheiden würde.

Welch ein Irrtum.

Im Westen lief das Leben einfach weiter. Kohl war Kanzler, die Rente schien sicher, und die Wirtschaft wuchs. Ende des Jahrzehnts schrieben die Zeitungen, die Neunziger seien langweilige, aber zufriedene Jahre gewesen.

Das mit der Zufriedenheit stimmte auch für uns. Aber nur ganz am Anfang. Wenn sich meine Eltern, meine Tanten und Großeltern nach dem Mauerfall bei einer Familienfeier trafen, dann saßen wir Kinder dabei und hörten die Freude über die neue Freiheit aus jedem Satz. Mit der Zeit aber wurden die Geschichten bitter. Warum hatte der eine Onkel Erfolg und der andere nicht? Welche Regeln galten in diesem neuen Land, und wer legte sie fest?

Die Angst vor der Arbeitslosigkeit zog bei uns ein, da war ich gerade elf. Sie saß jetzt abends mit uns am Küchentisch. Und sie wohnte nicht nur bei uns. Sie war überall.

Frankfurt (Oder), meine Heimatstadt, war ein Bombenkrater der Biografien. Viele, die früher wichtig gewesen waren, waren jetzt unwichtig. Die meisten aber waren unwichtig gewesen und blieben es.

In diesen Jahren des Suchens wuchs ich auf.

Das war herrlich, einerseits. Niemand zwang uns Gehorsam auf. Vorm Polizeirevier spross wilder Cannabis, und keinen schien es zu stören. Wir tanzten, kifften und knutschten in den Clubs, die wir in verfallenden Gebäuden eingerichtet hatten. Die Musik aus Berlin schallte herüber und mit ihr das Gefühl, dass eine gute Zeit begann.


Doch da war noch etwas anderes, was damals seinen Anfang nahm. Die Revolution von 89 war friedlich verlaufen. Jetzt kam die Gewalt. Auf den Schulfeten brüllten wir die Anti-Neonazi-Hymne Schrei nach Liebe von den Ärzten mit. Am Rand der Tanzfläche standen die neuen Nazis und merkten sich, wer mittanzte. Wehe dem, den sie als Feind ausgemacht hatten.

Bald gab es die ersten Toten: In Fürstenwalde erschlugen zwei Nazis einen Arbeitslosen, der sie um eine Zigarette angeschnorrt hatte. Sie brachen ihm die Beine und rammten ihm einen Schaufelstiel in den Mund.

In Eberswalde folterten zwei junge Erwachsene und zwei Kinder – keine Nazis – einen 14-jährigen Jugendlichen. Sie fesselten ihn nackt an einen Baum, schlugen ihn mit einem Stock, drückten Zigaretten auf seinem Körper aus und zündeten ihm Kopf- und Schamhaare an.