Am 25. Februar 2004 wurde Mehmet Turgut in einem Rostocker Döner-Imbiss erschossen. Die Polizei vermutete Familienkonflikte hinter der Tat und suchte auch nach Verbindungen ins kriminelle Milieu. Mustafa Turgut spricht über den Tod seines Bruders und das Leben seiner Familie:

Memo, für mich wird er immer Memo bleiben. Memo – so nannten wir meinen großen Bruder Mehmet. Ich war zwölf Jahre alt, als er in Deutschland ermordet wurde. Wenn ich mich an ihn erinnere, sehe ich immer wieder dieselben Szenen vor mir. Eine ist: Memo und ich gehen in den Wald, um Feuerholz zu sammeln. Es ist Sommer. Es ist sehr heiß, das Sammeln ist anstrengend. Memo ist erschöpft, aber er lässt nicht zu, dass ich ihm helfe, weil ich ja noch so klein bin. Dann merken wir, dass wir vergessen haben, Wasser mitzunehmen. Das ist meine Schuld, und mein großer Bruder ist ziemlich sauer auf mich. Zum Glück ist in der Nähe ein kleiner Bachlauf. Nur: Wir haben keinen Behälter dabei, um das Wasser zu holen. Da zieht Mehmet seinen Schuh aus und sagt: "Los, wasch ihn gut aus und bring darin das Wasser hierher." Und dann haben wir zusammen aus dem Schuh getrunken, und wir waren wieder versöhnt.

Deutschland war wie ein Sog für ihn. Er hatte keine Arbeitserlaubnis dort, keine Aufenthaltserlaubnis. Er wurde abgeschoben und kehrte doch immer wieder dorthin zurück. Ich glaube, dass es ihm nicht sehr gut ging dort. Und doch bedeutete Deutschland für ihn Hoffnung.

Mein Vater hat immer gedrängt: "Geh nicht mehr nach Deutschland. Was willst du da? Bleib hier. Heirate hier." Es gab da auch ein Mädchen in unserem Dorf, das er liebte. Aber Memo erwiderte: "Vater, wovon sollen wir hier leben? Du versorgst uns, aber wir können nicht immer von deiner Arbeit leben. Ich möchte selbstständig sein. Ich will nach Deutschland fahren." Am Ende hat unser Vater aufgegeben. Er hat ihm die Erlaubnis erteilt, er hat Schulden gemacht, damit Memo einen Pass bekam und reisen konnte.

Als Mehmets Leichnam aus Deutschland nach Hause kam, wollte mein Vater seinen Sohn unbedingt noch einmal sehen. Der Sarg wurde geöffnet, mein Vater küsste Mehmet auf die Stirn und sagte nur: "Nun könnt ihr ihn begraben." Meine Mutter musste man mit Gewalt von dem Anblick abhalten. Aber ich sah meinen getöteten Bruder: Er war weiß wie die Decke, ein wenig unwirklich, aber auch sehr schön.

Meine Mutter ist dann jeden Tag zu dem Hügel gegangen, wo Mehmets Grab liegt. Hin und her. Tag für Tag. Monat für Monat. Mein Vater hingegen war sehr still und geduldig. Gott hat ihm die Fähigkeit gegeben, in dieser Situation so ruhig zu bleiben. Wie wichtig das war, habe ich erst später wirklich zu schätzen gelernt. Denn bald fingen die quälenden Fragen und Gerüchte an: Wer hat Mehmet erschossen? Und warum?

Was dann folgte, war ein Albtraum für unsere Familie. Die Zeit der Gerüchte im Dorf begann. Einige sagten zu meinem Vater: "Dein Sohn hat in Deutschland bestimmt Drogen verkauft." Andere meinten: "Das hatte etwas mit Frauen zu tun." Wieder andere behaupteten: "Das war Haydars Schuld" – die Schuld des Imbissbesitzers. Er habe meinen Bruder umbringen lassen. Einige sagten sogar: "Ihr habt euren Sohn selbst umgebracht." Das war ungeheuer verletzend.

Irgendwann kam dann auch die deutsche Polizei. Die Beamten kamen nicht in unser Dorf. Sie haben nicht meine Eltern befragt. Sie fragten im Nachbardorf herum: Hatten die Turguts Feinde? Gab es einen Anhaltspunkt für Blutrache? Niemand hat uns geglaubt, dass das völliger Unsinn war. Das war das Schlimmste. Die deutsche Polizei hat unsere ganze Familie schlechtgemacht, indem sie in der Gegend nach uns fragte. Sie hat die Gerüchte zusätzlich angeheizt. Die Verdächtigungen nahmen ein solches Ausmaß an, dass es die Familie fast zerstört hätte.

Irgendwann hat mein Vater entschieden, aus seinem Heimatdorf wegzuziehen. Er hat ein Grundstück in Elazığ gekauft und dort ein Haus gebaut. Er hat es so gebaut, dass er keine Nachbarn mehr hatte. Mit dem Umzug wollte er auch meine Mutter entlasten. Denn sie ist weiterhin jeden Tag zu Mehmets Grab gegangen.

Natürlich haben wir damals auch überlegt, dass es Rechtsradikale gewesen sein könnten, die Mehmet ermordet haben. Wir hatten doch keine Feinde in der Türkei, und Mehmet hatte sich in Deutschland nichts zuschulden kommen lassen. Mein Vater hatte zuvor ja auch einige Zeit in Deutschland gearbeitet. Er kannte Ausländerfeindlichkeit. Er war sich sicher: Das waren bestimmt die Kahlköpfe. Dann hat wieder mein Cousin aus Deutschland angerufen und gesagt: "Die Polizei sagt Nein. Es gibt keine Hinweise, dass es Rechtsradikale waren." Wir hatten keine andere Erklärung, doch keiner hat uns geglaubt. Das war das Schlimmste. Nur mein Vater war sicher: Es waren die Neonazis, und eines Tages kommt die Wahrheit heraus.

Dann kam der November 2011. Da war ich schon von zu Hause weggezogen und arbeitete in Antalya. Ich erinnere mich noch genau, wie das Telefon klingelte. Mein Cousin aus Deutschland rief an. "Wie geht’s dir?" Und dann hat er erzählt: "Wir wissen, wer Mehmet umgebracht hat. Es waren Neonazis." Anders als viele Menschen in Deutschland und der Türkei habe ich das nicht so sehr als Schock empfunden. Nach all den Jahren war es eher eine große Erleichterung. Jetzt ist die Zeit der Anschuldigungen und Gerüchte endlich vorbei. Endlich! Auch von meinen Eltern ist damit eine Last abgefallen. Nach all den Verdächtigungen hatten sie ja schon selbst das Gefühl, schuldig zu sein. Sie haben Gewissheit. Es geht ihnen besser.