Anhänger des "Islamischen Staats" © Tauseef Mustafa/AFP/Getty Images

Beim Lesen der vergangenen Ausgabe der ZEIT haben Sie sich vielleicht darüber gewundert, dass in unserem Interview mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier von "ISIS" die Rede war, in den übrigen Texten im Blatt aber vom "Islamischen Staat" beziehungsweise vom "IS". Das war unglücklich. Es hat seinen Grund in unterschiedlichen Antworten auf dieselbe Frage: Was ist die sinnvollste Bezeichnung für diese Terrortruppe?

Das Problem begann genau genommen schon mit einer Verlautbarung vom 15. Oktober 2006: "Die Mudschahedin im Irak geben bekannt, dass ein islamischer Staat ausgerufen wird." Von jenem Tag an nannte sich die Gruppe, die zuvor als "Al-Kaida im Irak" (AQI) bekannt war, nur noch "Islamischer Staat Irak". Terrorexperten benutzten fortan die Abkürzung ISI oder blieben bei AQI. Niemanden interessierte das großartig, denn der "Staat" war eine Fantasie. Das begann sich im Laufe des Jahres 2013 zu ändern, als ISI in Syrien expandierte und die Gruppe in der Folge ihren Namen änderte, um ihre Transnationalität herauszustellen. Sie taufte sich um in "Islamischer Staat im Irak und in Großsyrien".

Großsyrien heißt auf Arabisch "Al-Schaam". Jetzt wurde es mit den Abkürzungen kompliziert.

ISIS bot sich an, aber ebenso ISIL – denn "Al-Schaam" wird oft mit dem Begriff "Levante" wiedergegeben. Deutsche Sicherheitsbehörden wollten ganz korrekt sein und erfanden zusätzlich "IStIGS". Araber wiederum ersannen ein eigenes Wort. Und zwar jenes, das sich ergibt, wenn man die arabischen Anfangsbuchstaben von "Islamischer Staat im Irak und in Großsyrien" als Wort ausspricht (so wie wir "Nato" sagen). Auf diese Weise entstand der Begriff "Daisch". Die Terroristen hassen diese Verballhornung und drohen damit, jeden zu bestrafen, der sie benutzt.

Vier Namen also für dieselbe Gruppe. Das war schon mal verwirrend genug. Aber noch nicht das Ende. Denn was geschah im Juni 2014, nach der Einnahme der irakischen Stadt Mossul? Die Gruppe änderte ihren Namen ein weiteres Mal – in "Islamischer Staat". Der Verzicht auf eine geografische Verankerung sollte nun den universalen Anspruch unterstreichen.

Soll man diese Namenswechslerei mitmachen? Und wenn man diese Gruppe "Islamischer Staat" nennt, unterstützt man dann ihren Anspruch? Die frühere US-Außenministerin Hillary Clinton etwa will nicht vom "Islamischen Staat" sprechen: "Sie sind weder islamisch noch ein Staat", erklärte sie kürzlich.

Die USA bleiben bei "ISIL". Die Franzosen wiederum haben sich entschieden, "Daisch" zu verwenden. Das Auswärtige Amt bleibt seinerseits bei ISIS. Wir bei der ZEIT hingegen schreiben, wie die New York Times, die Washington Post und viele andere Medien, "Islamischer Staat" und "IS". Ein schönes Durcheinander.

Trotzdem glauben wir, dass gute Gründe für unsere Entscheidung sprechen.

Zum einen nämlich löst man das Problem, das Clinton aufgeworfen hat, gar nicht, indem man ISIS oder ISIL verwendet. Auch da steckt der "Islamische Staat" drin. Man müsste schon einen ganz neuen Namen finden. Aber welcher soll das sein? "AQI" geht nicht mehr, weil die Gruppe sich von Al-Kaida getrennt hat. Auch "Daisch" ist keine gute Alternative. Es sind vor allem Gegner der Terroristen, die diesen Begriff verwenden. Er ist genauso wenig neutral wie "Islamischer Staat". Außerdem müsste man ihn jetzt erst einmal neu einführen, als gäbe es sonst nichts zu tun.

Im Übrigen hat die Bezeichnung "Islamischer Staat" gegenüber "Daisch" einen Vorzug: Es ist immerhin der Name, den die Gruppe selbst benutzt. Damit ist im Zweifel klar, von wem wir eigentlich reden. Der Preis ist in der Tat, dass wir damit einen Teil des Selbstbildes dieser Terrorgruppe wiedergeben. Aber das tun wir auch, wenn wir Hisbollah ("Partei Gottes"), "Leuchtender Pfad" oder "Rote Armee Fraktion" schreiben. Unsere Verantwortung gilt den Lesern – sie sollen uns verstehen. Was Terroristen von unserer Wortwahl halten, ist da nicht ganz so wichtig.

Deshalb ist für uns die Verwendung von "Islamischer Staat" und "IS" der beste Kompromiss. Und ja: Ein Kompromiss ist nie perfekt.