I. Norbert Blüm hat ein neues Buch geschrieben. Das ist, da er ein mitteilsamer Mensch ist, an sich nichts Besonderes. Dieses Buch ist trotzdem besonders.

Wer der fast 80-jährige Norbert Blüm wirklich ist, weiß man nicht. Den meisten bekannt ist seine liebste Märchenfigur: der kleine, kurzatmige, halssteife Mann, der einfache Scherze und kurze Sätze liebt, von der Welt immer überrascht ist und aus der Fähigkeit, frühkindliche Ahnungslosigkeit zu simulieren, das Beste gemacht hat.

Als Minister in fünf Kabinetten des Großen Kanzlers Kohl lobte er die jeweilige Rechts-, Sozial- und Rentenpolitik. In gefühlten fünfhundert Talkshows verteidigte er der Oma ihr klein Häuschen, als habe er es mit eigenen Händen errichtet und nicht mitgeholfen, die Frau in die Armut zu regieren. Noch heute gelingt es ihm, wenn er sich zur Weltpolitik äußert, jenen entfernten Geruch von Altöl und Waschpaste aus den Werkshallen seiner Jugend zu verbreiten.

Im Duo mit dem fast gleichaltrigen TV-Kommissar Peter Sodann trafen sich zwei Gleichgesinnte: Ihre Darbietung bestand in einer aus ganz und gar reinem Herzen kommenden, ursprünglich-naiven Einfachheit, unterlegt mit einer gewissen lauernder Sprungbereitschaft.

In Sodanns früherem Leben galt das als Kennzeichen eines couragiert-spießigen Freigeistes: Man wird ja wohl noch mal meckern dürfen! Und auch Norbert Blüm ist nicht Jacques Tati, Schlichtheit nicht sein letztes Wort. Das "Wir können auch anders!" ist daher der andere Teil seiner Inszenierung. Große Karrieren wurden nach diesem Bild gestaltet: Heinz Schenk, Karl Moik, Walter Scheel. Wenn Berufspolitiker sich auf dieses Feld begeben, blickt der Untertan vorsichtig um sich: Wenn das mal nicht täuscht!

II. Blüms neues Buch überrascht durch ein radikales Bekenntnis im Vorwort: "Vom Recht verstehe ich wenig bis nichts." Sollte der Leser sich jetzt fragen: Warum dann weiterschreiben?, hat er das Geheimnis dieses Autors nicht verstanden. Er erhebt sich, unter Berufung auf Goethe, als ein "Dilettant" in die Lüfte des Unverstandenen wie weiland der fliegende Robert im Struwwelpeter und will genau dies. Selten bringt ein Autor sein Programm so früh und klar zum Ausdruck.

Blüms Fragen, Antworten, Schlussfolgerungen und Botschaft stehen schon im Titel: Wider die Willkür an deutschen Gerichten. Da er sich nicht auf das Recht einlassen, sondern mit dem Räsonnement über Gerechtigkeit begnügen möchte, ist ihm alles eins: Sozialprozess, Familienrecht, Strafverfolgung und Zivilprozess in jedem beliebigen Rechtsgebiet.

Dabei geht es ihm weder um "Gerichte" noch um "Willkür" im wörtlichen Sinn. Vielmehr möchte der Autor uns Folgendes sagen: Das Rechtssystem Deutschlands ist in den Händen einer faulen, selbstgefälligen, menschenfeindlichen Bande von Ignoranten, die sich Rechtsanwälte, Staatsanwälte und Richter nennen, diese Bezeichnungen aber nicht verdienen. Große Sauerei, Krähentheorie. Gut, dass wir Robin Blüm von Locksley haben! "Da muss mal einer dazwischenschlagen", ruft er aufgeregt im Fernsehen und weist auf sein Buch. Er bewirbt es mit dem Ausruf: "Ich will die Welt verändern!"

Schon verzichteten – behauptet Blüm – erste Buchhandlungen aus Furcht vor Rache auf Dichterlesungen.

III. Richter und Sachverständige: "schaffen sich ihre Wahrheit zur Not selbst".

Das "Familienrecht ist ein System der Willkür und Arroganz".

Sogenannte Anwälte "drangsalieren skrupellos das Recht und kümmern sich um die Wahrheit einen Dreck".

Im Familienrecht "verdient das Recht diesen Namen nicht mehr".

Die Nichtöffentlichkeit von Gerichtsverfahren ist "für viele Richter und Anwälte ein Freibrief, schalten und walten zu können, wie es ihnen passt".

"Unschuldige Menschen verschwinden auf Nimmerwiedersehen in der Psychiatrie."

Für die "Blödheit von Rechtsanwaltsargumenten" gibt es keine Untergrenze.

Hoeneß und Ecclestone: Mauschelei, Freikauf.

Bundesrichter gewähren "Beratungshilfe, wie man im Gericht am besten davonkommt", und zwar "hoch dotiert".

Staatsanwälte: "mediengeile" Faulenzer ohne rechtsstaatliche Objektivität.

Banker und Millionäre werden nicht verfolgt, "kleine Handwerker" drangsaliert.

Den Ausreden der Bosse, die nur glauben kann, "wer seine Unterhosen mit der Beißzange anzieht", folgt die Justiz in devoter Unterwürfigkeit; stattdessen werden anständige Menschen verdächtigt und schikaniert.

Richter in der Beschwerdeinstanz sind bloß "willfährige Gehilfen" oder "Strohmänner" ihrer voreingenommenen Kollegen in den unteren Instanzen.

Die These, dass Rechtsanwälten im Interesse ihrer Mandanten alles erlaubt sei, was nicht verboten ist, ist eine "Bankrotterklärung der Moral".

So geht es 180 Seiten lang, auf und ab, mal mit netten Bonmots, mal in dröger Ministerialprosa. Dann folgen Dokumentationen aus dem Tagebuch des Kommissars Blüm, der das allgegenwärtige Unrecht persönlich ermittelt haben will. Er nennt sie "Jagdszenen". Sie bestehen aus den Behauptungen jeweils einer Streitpartei, Kommissar Blüm bürgt für die Wahrheit.

Wer gut und wer böse ist, steht schon in Zeile eins fest.

Kostprobe: "Das Jugendamt hat für den Vater plädiert, weil seine Wohnung größer und die von Anna unordentlich sei. Bei meinem Besuch war die kleine Wohnung liebevoll eingerichtet und sauber."

Anna, die tapfere kleine Frau, ist Blüms Klientin. Männern gegenüber bleibt der Kavalier beim Familiennamen.