Brachgrundstück in Hamburg-Altona © dpa

Da sitzen sie also, anderthalb Dutzend Frauen und Männer, aufgereiht vor der Jury. Der Ort: Wilhelmsburg, ein Besprechungszimmer der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt. Die Agentur für Baugemeinschaften, eine Unterabteilung der Behörde, hat zum Vorstellungsgespräch geladen. Der Anlass: Ein Grundstück in Hamburgs neuem Stadtteil Mitte Altona ist ausgeschrieben. Neun Gruppen haben sich beworben. Nur drei können bauen.

Es geht an diesem Tag um das künftige Zuhause von 18 Erwachsenen, 14 Kindern und einer Großmutter. Um das Grundstück zu bekommen, muss die Gruppe das Casting der Behörde bestehen. "Hamburgs Next Topbaugruppe"? Nuria Quiros Roldán, klein und quirlig, die mit ihrer Gruppe Lee vor Luv nach Wilhelmsburg gefahren ist, sagt: "Wir sind ganz normale Menschen aus Altona."

Doch normal reicht nicht. Wer den Zuschlag für Mitte Altona ergattern möchte, muss außergewöhnlich sein. Zumindest außergewöhnlich engagiert. Lee vor Luv haben lange darauf gewartet, um bei der Behörde vorsprechen zu dürfen. Kennengelernt haben sie sich auf einem Spielplatz am Zeiseweg in Altona. Viele leben in der Walther-Kunze-Siedlung vis-à-vis, einer kleinen Sozialbausiedlung, Baujahr 1983. "Das ist wie ein Dorf hier", sagt die Spanierin, die 1997 nach Hamburg gekommen ist. "Bloß: Es wird zu eng." Sie wohnt mit Mann und zwei Töchtern auf 79 Quadratmetern. Als das Areal in Mitte Altona ausgeschrieben wurde, rückte der Traum vom gemeinsamen Haus näher.

Gemeinsam bauen, besser leben: Die Baugruppenidee, entstanden in den hausbesetzerbewegten Siebzigern und Achtzigern, ist längst im Bürgertum angekommen. "Zu Beginn vor mehr als 20 Jahren waren die Gruppen oft politisch motiviert", sagt Angela Hansen von der Agentur für Baugemeinschaften. "Jetzt scheint sich der Großteil in der gesellschaftlichen Mitte anzusiedeln."

Baugruppen gelten als die Zukunft des Wohnens. Baugrüppler sind die Gutmenschen auf dem Immobilienmarkt: Statt das Umland mit Einfamilienhäusern zu zersiedeln und täglich mit dem SUV in die Stadt zu pendeln, sorgen sie für klimafreundliche, barrierefreie, autolose Häuser in der Innenstadt. Sie pflanzen Gemeinschaftsgärten und integrieren behindertengerechte Wohnungen oder Alten-WGs. Kurzum: Die Baugruppe ist die Best Practice des urbanen Zusammenlebens.

Auch die Stadt sieht das so. Eigentlich. "Diese Gruppen sind oftmals familienfreundlich und im Stadtteil engagiert, sie wollen meist hohe ökologische Standards umsetzen, und sie wirken stabilisierend in den Quartieren", sagt Angela Hansen. Warum kommt diese Wohnform dann so selten zum Zuge? Rund 2000 Wohnungen haben Baugruppen in Hamburg bislang bauen können: 0,2 Prozent des gesamten Wohnungsbestandes. Ein winziges Segment. Vorzeigeobjekte. Wer eins bauen will, muss sich zum Vorzeigemensch mausern – und oft Jahre lang warten.

Im Fall von Mitte Altona müssen Bauwillige gleich drei mögliche Architekten benennen. Neben inhaltlichem Konzept ("maximal drei Seiten") sind ein "ökologisches Konzept" und eine "Integrationsleistung" gefragt: Auf fünf Prozent der Flächen sollen "Integrationsprojekte" stattfinden.

Lee vor Luv hatten einen Baugruppen-erprobten Architekten gefunden und an wohlklingenden Formulierungen gefeilt: "Wir möchten ein gutes, nachbarschaftliches Miteinander leben und uns gegenseitig stützen und im Alltag helfen", heißt es in ihrem Konzeptpapier. Ein schöner Satz.

Doch dann kamen die Fragen der Kommission. Ökologisches Konzept? Energieeffizienz? Was sie denn sozial für den neuen Stadtteil machen wollten? Man schaute sich verdutzt an. Vielleicht der gemeinsame Raum für Haushaltsgeräte? Zwei Wochen später kam die Absage. Das Konzept sei nur "ansatzweise ausgearbeitet" gewesen, es hätten "Beiträge zur Entwicklung der Nachbarschaft" gefehlt. Andere hätten "originellere Ideen" und "ausgereiftere Konzepte" präsentiert und ihren Zusammenhalt "überzeugender" vermittelt.