Die Ukraine hat aufgehört, ein blinder Fleck im europäischen Bewusstsein zu sein. Sie ist jetzt auf der Karte der Europäer eingezeichnet – irreversibel. Von Charkiw, das den Deutschen als Charkow geläufig ist, lässt sich das noch nicht sagen. Zwar war das Stadion des Vereins Metallist Charkiw ein Austragungsort der Fußball-Europameisterschaft 2012. Zehntausende Fans kamen in die Stadt "am Rande Europas"; noch heute spürt man den Langzeiteffekt dieses Europäisierungsschubs, etwa in der Zweisprachigkeit der Straßenschilder oder im ganz unsowjetisch freundlichen Service an den Hotelrezeptionen. Zuletzt rückte der Abschuss der Malaysian-Airways-Maschine MH17, dessen Opfer vorübergehend in den Gefrier- und Leichenschauhäusern Charkiws geborgen wurden, die Stadt ins Bewusstsein. Ansonsten aber wissen wir kaum etwas über sie.

Dabei ist sie nicht so weit entfernt und nicht so fremd, wie es scheint. Charkiw ist die multikulturelle Metropole eines Landes, das in sich selbst so vielfältig ist wie der Kontinent. Sie ist eine Stadt der Moderne, europäisch und sowjetisch geprägt. An ihrer Geschichte lässt sich die ganze Sequenz der Heimsuchungen ablesen, die im 20. Jahrhundert über die Ukraine gekommen sind: Bürgerkrieg, Kollektivierung und Holodomor, Großer Terror, Besatzung und Holocaust.

Besonders die Deutschen haben viel mit Charkiw und der Ukraine zu tun, denn sie haben im Zweiten Weltkrieg nicht nur über "die Russen", sondern auch über die Ukrainer maßloses Unglück gebracht. Der allergrößte Teil der "Ostarbeiter", die ins Reich deportiert wurden, stammte aus der Ukraine. Das Land – vor dem Krieg ein Zentrum des östlichen Judentums – wurde, wie der Schriftsteller Wassili Grossman schrieb, durch die Deutschen zu einem "Land ohne Juden". Doch die ukrainisch-deutsche Geschichte reicht weiter zurück, in die Zeit des Ersten Weltkriegs und zu den einst blühenden Dörfern der deutschen Kolonisten, der Schwarzmeerdeutschen und der Bukowinadeutschen, deren Nachkommen nach manchen erzwungenen Umwegen heute meist in der Bundesrepublik leben.

Im späten Zarenreich rangierte Charkiw – hinter Sankt Petersburg, Moskau, Kiew, Odessa – an fünfter Stelle. Nach der Revolution von 1917 war es die Hauptstadt der Ukraine; erst 1934 wurde der Regierungssitz nach Kiew verlegt. Heute ist Charkiw die zweitgrößte Stadt des Landes. Man wagt nicht, sich vorzustellen, was mit ihr passieren würde, falls sie in den Krieg hineingezogen wird, in dem die Städte Lugansk und Donezk, nur zwei Zugstunden entfernt, bereits zugrunde gerichtet worden sind.

Noch scheint die Front weit entfernt zu sein. Auf dem Bahnhofsvorplatz drängen sich die Reisenden, auf der Sumska-Straße, einer Art Kurfürstendamm oder Newski-Prospekt, der das alte und das neue Stadtzentrum verbindet, staut sich der Verkehr. Abends sind die Cafés voll von Menschen, am Wochenende kann der festlich illuminierte Gorki-Kultur- und Erholungspark mit Roller Coaster und House of Horrors das Publikum kaum fassen. Aber so sah es auch aus in Donezk, bevor die prorussischen Freischärler die Stadt in ihre Gewalt brachten.

Charkiw gehört zum Hinterland des Krieges, mit Hospitälern für die Verwundeten. Es bietet Abertausenden von Flüchtlingen aus dem Donbass Schutz. Bürgerinitiativen sammeln Geld und Material für die Soldaten, die auszurüsten und zu verpflegen der Staat nicht in der Lage ist. Wie Odessa und Dnipropetrowsk ist auch Charkiw auf der Karte von Noworossija, "Neurussland", eingezeichnet, es liegt also auf jenem ukrainischen Territorium, das Putin und seine Leute in ihre Gewalt bringen wollen.

In den vergangenen Monaten gab es etliche Vorstöße, die Stadt zu destabilisieren. Auf dem Gebäude der Gebiets- und Stadtverwaltung wehte im März für einen Augenblick die russische Fahne. Anhänger des Maidan, unter ihnen der Dichter Serhij Zhadan, wurden durch einen "Korridor der Schande" getrieben und zusammengeschlagen. Hennadij Kernes, der Bürgermeister der Stadt, erlitt bei einem Anschlag schwere Verletzungen; bis heute ist nicht klar, wer hinter dem Attentat stand.

Seit Monaten tobt der Kampf um die Besetzung des öffentlichen Raums: Das Denkmal für den Nationaldichter Taras Schewtschenko im Stadtpark wurde zum Sammelpunkt der Maidan-Anhänger. Am Lenin-Denkmal, Ende September von ukrainischen Nationalisten als Symbol der Sowjetzeit vom Sockel geholt, trafen sich die prorussischen Aktivisten. Die prekäre Balance könnte auch hier kippen, sodass aus gewöhnlichen Bürgern Feinde werden, die bereit sind, aufeinander zu schießen: Im Mai hat mir mein Gesprächspartner, mit dem ich mich in einem Café über Charkiwer Urbanität und konstruktivistische Architektur unterhalten hatte, noch gestanden, dass er in seinem ersten Beruf Klavierstimmer, in seinem zweiten Beruf aber mehrfach ausgezeichneter und Afghanistan-erprobter Scharfschütze sei – jederzeit bereit, seinen ersten gegen den zweiten Beruf zu tauschen und, wenn die Zeit gekommen sei, gegen die "Kiewer Junta" anzutreten. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, was aus einer Stadt mit 1,5 Millionen Einwohnern wird, wenn aus Zivilisten Scharfschützen werden.