Man verschweigt uns die Wahrheit! Die CIA und der israelische Geheimdienst Mossad stecken hinter den Anschlägen vom 11. September 2001. Sie haben auch den Arabischen Frühling und die Maidan-Bewegung gesteuert, danach haben Juden und Amerikaner den IS gegründet. Aids und Ebola wurden in US-Geheimlabors erfunden, um die Schwarzen auszurotten. Es existiert eine geheime Weltregierung. Aber davon steht nichts in den Zeitungen, die werden nämlich vom System kontrolliert.

Derlei Verschwörungstheorien kursieren in großer Zahl. Ein Leichtes, sich über sie lustig zu machen. Und leichtsinnig, denn was da umgeht, ist kein harmloser Unfug. Ihre wachsende Anhängerschar hat sich von Demokratie und öffentlicher Debatte abgewandt: Sie glaubt, alles sei "von oben" gesteuert.

Irgendjemand hat uns betrogen. Gut, zu wissen, wer!

Wenn hier nur die Lüge regiert, dann wird die Wahrheit woanders wohnen. Aber wo? In Russland? In der Welt der Dschihadisten? Von dort dringen vielerlei Verschwörungstheorien zu uns, die der ideologischen Kriegführung dienen.

Die Verfechter solcher Theorien berufen sich gern auf die Autorität der Wissenschaft. Sie führen akademische Experten ins Feld, entschlüsseln Dokumente und verfassen fleißig Fußnoten. Von wissenschaftlichen Aussagen unterscheiden sich ihre allerdings dadurch, dass sie unwiderleglich sind. Das ist ihre größte Stärke: Was immer ihnen an Kritik entgegensteht, es kann selbst nur Teil der Verschwörung sein. So wie Marxisten ihre Kritiker stets als bürgerlich bezeichneten und damit als historisch – folglich auch geistig – beschränkt.

Solche Theorien knüpfen an Wahrheiten an. Verschwörungen existieren ja durchaus, Preisabsprachen zum Beispiel, Schweigekartelle, Mordkomplotte. Unterhielt nicht die CIA ein internationales Netz geheimer Folterkeller? Im Übrigen weiß ein jeder, dass es Mächtige gibt, weniger Mächtige und Ohnmächtige und dass die Mächtigen die anderen oft belügen. Verschwörungstheorien drücken noch eine weitere Wahrheit aus: Die Ereignisse hängen miteinander zusammen, nur eben nicht auf offensichtliche Weise. Diese Wahrheiten sind sozusagen die nicht verrückte Seite der Verschwörungstheorien.

Die typische Frage der Verschwörungsgläubigen lautet: "Glaubst du an Zufälle?" – ein Klassiker. Um die Welt deuten zu können, setzen Menschen seit je verborgene Absichten an die Stelle des Zufalls. Die Antike erfand den Olymp, um sich einen Reim auf das Schicksal zu machen: Die dort wohnenden Götter griffen lenkend in die irdischen Geschicke ein, das erklärte manches. Später radikalisierten monotheistische Religionen diese Idee, nichts geschah mehr zufällig, überall war Absicht, das erklärte alles. Die römische Kurie selbst gebar noch Ende des 19. Jahrhunderts mit der Enzyklika Humanum Genus eine voll ausgebildete Theorie der Weltverschwörung teuflischer Sekten. Wir haben es tatsächlich mit einer westlichen Denktradition zu tun.

In ihrer Reinform sind Verschwörungstheorien darauf angelegt, für jeden Übelstand persönlich Schuldige zu finden. Sie laufen auf Feinderklärungen hinaus, und zwar – da es ums Ganze geht – auf absolute Feinderklärungen. Sie zielen auf Endlösungen, im ganzen bösen Sinn dieses Wortes.

Kurz nach der Französischen Revolution hieß es, diese sei ein Werk der Juden und Freimaurer – später lehrten die Nazis die gleiche Theorie, heute findet sie sich in der Charta der palästinensischen Hamas. Dass Verschwörungstheorien zum Antisemitismus tendieren, liegt an ihrer Struktur. Sie brauchen einen Feind, der überall ist, anpassungsfähig und im Besitz von Mächten, die an jeden Ort vordringen können: Geld und Ideen. Der Inbegriff dieses Feindes ist der Jude, mal als Bankier, dann als Intellektueller. Die Nazis in ihrem Vernichtungswahn fantasierten von einer "jüdisch-bolschewistisch-plutokratischen Weltverschwörung"; in den Vereinigten Staaten wurde nach dem Zweiten Weltkrieg der Kommunismus eine Zeit lang für ein jüdisches Komplott gehalten; im arabischen Raum, heute der fruchtbarste Boden für Verschwörungstheorien, sind es wiederum die Freimaurer, die Juden und die CIA, die an den Strippen ziehen.

Solches Wissen befriedigt das Bedürfnis, unsere chaotische Zeit dem Verstand zugänglich zu machen. Oder zu erklären, warum man selbst immer wieder zu den Verlierern gehört: Irgendwer hat uns betrogen. Gut, zu wissen, wer! Das bevorzugte Medium für dieses Erleichterungswissen ist das Internet. Dort finden sich Gleichgesinnte in ihren Echokammern, sie fühlen sich nicht mehr allein und bestärken einander in ihrem Wahn.

Lässt sich gegen diese Ideengebäude, die wahre Festungen sind, mit Argumenten etwas ausrichten? Nein, nur Erfahrungen können den Bann brechen. Erfahrungen mit Andersdenkenden im Familien- oder Freundeskreis beispielsweise. Politisch, auf den Westen übertragen, bedeutet das: Er muss Glaubwürdigkeit und Gerechtigkeit verkörpern, und davon ist er leider zu weit entfernt. Der hierzulande kursierende Verdacht beispielsweise, Politik, Konzerne und Medien hätten ein Komplott gebildet und manipulierten die Bundesrepublik, kann nur durch Ehrlichkeit und Transparenz dieser Institutionen ausgeräumt werden. Niemand wird behaupten, da sei schon alles getan.

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