DIE ZEIT: Angesichts immer schlechterer Prognosen für das Wirtschaftswachstum fordern viele Politiker im Ausland, Deutschland müsse mehr Geld ausgeben. Was erwarten Sie als Manager von dem Land, das zugleich Ihr wichtigster Markt ist?

Wolfgang Eder: Ich verstehe diese Nörgeleien nicht. Europa sollte letztlich froh sein, dass es Deutschland hat. Deutschland hat die Wiedervereinigung, die auch Europa massiv genutzt hat, ganz allein geschultert, und in der Euro-Krise war es der Anker für alle anderen. Was mich allerdings ein wenig irritiert, sind die politischen Geschenke nach der Bundestagswahl, der Mindestlohn, die Rente mit 63. Langfristig bedrohen sie Deutschlands wirtschaftliche Potenz.

ZEIT: Was sollte die Bundesregierung tun?

Eder: Sie hat meine Beratung sicher nicht nötig, aber ich würde in die Infrastruktur investieren. Wir sind etwa der größte Schienenlieferant der Deutschen Bahn, daher weiß ich: Da gab es in den vergangenen Jahren große Zurückhaltung. Gleiches gilt für die Straßen. Dafür zügig Geld auszugeben könnte die Konjunktur stimulieren. Zudem sollte Deutschland ein klares Signal für eine Innovationsoffensive setzen: Wir wollen dauerhaft der führende Industriestandort sein.

ZEIT: Das alles nützt natürlich erst einmal Ihrem Unternehmen.

Eder: Soweit es Investitionen betrifft – zugegeben. Es geht aber auch um Grundsätzliches im gesamteuropäischen Interesse. Im Jahr 2000 stand die Industrie in Europa noch für 18 Prozent der Wirtschaftsleistung, heute sind es 14 Prozent, Tendenz sinkend. Außer einer markigen Ansage der EU-Kommission, dass wir 2020 wieder bei 20 Prozent liegen sollen, erleben wir keine Unterstützung. Eher im Gegenteil. Die USA sind viel konsequenter in solchen Dingen. Die werden nie etwas tun, was ihre Wirtschaft schwächt, denn auch ihre militärische und politische Stärke hängen letztlich davon ab. Unternehmen haben daher in Amerika langfristig kalkulierbare Rahmenbedingungen.

ZEIT: Ihr Unternehmen hat im Frühjahr die größte Auslandsinvestition seiner Geschichte gestartet – und will in Texas ein neues Werk für 550 Millionen Euro errichten.

Eder: Wir haben weltweit 18 Standorte untersucht, unter anderem in der Ukraine, in Russland, Katar, Oman, Indonesien. Am Ende kamen Kanada und die USA in die engere Wahl. Die EU war von vornherein nicht dabei.

ZEIT: Warum?

Eder: Europa hat hier keine Chance, es ist von den Kosten her einfach nicht konkurrenzfähig. In den USA kostet Gas im Vergleich nur ein Drittel. Die Stromkosten sind bis zu 40 Prozent niedriger, die Personalkosten etwa 20 Prozent, ebenso die Steuern, zumindest bis zu dem Punkt, an dem ein Unternehmen Gewinn macht – die Körperschaftsteuer selbst ist höher. Die Kosten für das Grundstück betragen ein Bruchteil dessen, was wir in Europa zahlen müssten. Davon abgesehen, gibt es in Europa heute keine zwei Quadratkilometer perfekten Industriegrunds mit Tiefseehafen mehr. Und es gab, das will ich nicht verschweigen, auch finanzielle Starthilfen.

ZEIT: Spielt das Bekenntnis zur Heimat keine Rolle für Sie?

Eder: Doch, natürlich. Bloß: Abgesehen von den Kosten – wenn Sie in Europa irgendwohin fahren und sagen, ich möchte einen Industriestandort aufbauen, dann müssen Sie froh sein, wenn Sie gehört werden und nicht von vornherein gesagt bekommen: Nein, das wollen wir nicht, schon wegen der Umweltbelastung. Da freut man sich, wenn man in Regionen kommt, wo man sehr willkommen ist. In Amerika wird man von der ersten Stunde an offensiv begleitet.