In einer Metallfirma in New Hampshire steht Jody Nelson mit einer Tüte Käsewürfeln in der einen und ihrem schreienden vierjährigen Sohn Luke in der anderen Hand. Mit hundert anderen herausgeputzten Menschen wartet sie auf Mitt Romney, den ehemaligen republikanischen Präsidentschaftskandidaten, der 2012 Barack Obama unterlag. Er hätte schon seit einer halben Stunde da sein sollen, und Luke will keine Käsewürfel mehr. Im Publikum sind viele Kriegsveteranen mit schweren Orden an den Jacken. Wie Jody wollen sie alle miterleben, wie Mitt Romney seinem Parteifreund Scott Brown, einem jugendlich aussehenden, pensionierten Oberstleutnant der Nationalgarde, helfen wird, Senator von New Hampshire zu werden. "Ich hasse es, dass die Welt uns Amerikaner seit einiger Zeit als schwach wahrnimmt", sagt Jody.

Am 4. November wählen die Amerikaner einen neuen Kongress, und die Demokraten laufen Gefahr, nach dem Repräsentantenhaus nun auch die Mehrheit im Senat zu verlieren. Schuld daran sind allein Barack Obama und seine zögerliche Haltung gegenüber den Terrormilizen des "Islamischen Staats". So zumindest sehen die meisten Amerikaner das.

Dabei gab es mal eine Zeit, in der Obama das Unmögliche schaffte. Er ließ Osama bin Laden töten, er hat das Land vor großen Terroranschlägen beschützt und beendete außerdem zwei Kriege. Obama gab den Amerikanern das Gefühl, weiter unbezwingbar und mächtig zu sein, und erfüllte gleichzeitig nach den langen Kriegsjahren ihre große Sehnsucht nach Selbstbeschränkung, Ruhe und Heimkehr.

Haben die Amerikaner das vergessen? Woran denkt Judy Nelson, wenn sie den Namen Obama hört? "Daran, dass er gesagt hat, wir haben keine Strategie gegen den IS", antwortet sie. Auf einmal gilt Obama ausgerechnet dort als schwach, wo er lange stark war.

US-Kongresswahlen - Senator in Colorado kämpft um sein Amt – und für Obama Bei den bevorstehenden US-Kongresswahlen könnten die Republikaner auch die Mehrheit im Senat erobern. In Colorado führt der demokratische Amtsinhaber Mark Udall deshalb den Wahlkampf seines Lebens, für sich und für Barack Obama.

Als Mitt Romney endlich auf die Bühne tritt, erzählt er einen Obama-Witz, der irgendwie darauf hinausläuft, dass keiner, selbst Obama nicht, weiß, was ihn als Präsidenten eigentlich auszeichnet. Das ist nicht besonders witzig, und Romney verhaspelt zudem noch die Pointe, aber das ist alles egal. Die Leute lachen, und sie erinnern sich daran, dass Romney damals im Präsidentschaftswahlkampf in einem Fernsehduell mit Obama Russland als eine der gefährlichsten außenpolitischen Herausforderungen aufzählte. Obama und viele andere haben sich deswegen über ihn lustig gemacht. Aber hat Romney, sagen jetzt viele, nicht nachträglich recht bekommen?

Hier oben, in New Hampshire, wo der Indian Summer die Laubwälder in leuchtend rote Farben getaucht hat, dürfte eine demokratische Senatorin eigentlich nicht um ihre Wiederwahl zittern. Die Menschen hier haben Jeanne Shaheen zuvor drei Mal zu ihrer Gouverneurin gewählt, ihr republikanischer Widersacher Scott Brown zog erst kürzlich in diesen Bundesstaat, nachdem er im benachbarten Massachusetts seinen Senatssitz an eine Demokratin verloren hatte. Aber nun ist es auch hier ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Verantwortlich dafür ist tatsächlich Obamas IS-Strategie, beziehungsweise die Nichtstrategie gegen die Islamisten. Wenn er darüber spricht, wirkt er seltsam unberührt, kühl und distanziert. Er schafft es nicht, seiner Politik Überzeugungskraft zu verleihen und seinem Bündnis mit den arabischen und europäischen Staaten als etwas Mutiges und Neues darzustellen. Er versucht es nicht einmal. Laut einer Umfrage sorgen sich immer mehr Amerikaner um ihre Sicherheit.

Die Tötung von Osama bin Laden erklärte sich damals auch ohne große Worte. Der komplizierte Krieg im Nahen Osten tut das nicht. Schon gar nicht, wenn der politische Gegner die Rolle des Erklärers übernimmt.

Zuerst zeigt der Wahlkampfspot Kämpfer, die eine große, im Wind wehende schwarze IS-Fahne tragen. Dann sagt Scott Brown: "Jeder, der dieser Tage den Fernseher anschaltet, sieht, dass unser Lebensstil bedroht ist." Schließlich spricht Brown über die Bedrohung durch islamische Terroristen und seine eigene Erfahrung als Soldat. Am Ende werden Bilder von Obama und Shaheen gezeigt, und Brown sagt: "Präsident Obama und Senatorin Shaheen scheinen unsicher zu sein in Anbetracht der Bedrohung. Ich bin es nicht." Der Fernsehspot lief kurz nachdem der IS den amerikanischen Reporter James Foley geköpft hatte. Foley kam aus New Hampshire.