Wladimir Sorokin steht in der Tür, in Jeans und Pullover, gibt die Hand und zieht den Gast in das Empfangszimmer seiner großzügigen Berliner Wohnung. Rechts geht der Blick in den Innenhof mit vielen Fenstern von allen Seiten. Links geht es in sein Atelier und Arbeitszimmer. Die Sybelstraße liegt mitten in Charlottenburg, dem alten Berliner Bürgerviertel. Heute nennt man es wie vor neunzig Jahren Charlottengrad, wegen der vielen Russen, die sich hier niedergelassen haben. In Laufweite von Sorokins Wohnung finden sich Galerien russischer Künstler, Restaurants und ein 24-Stunden-Supermarkt mit Buchweizen, Megagurken und vielen sibirischen Lachssorten. Kein Moskauer muss sich fremd fühlen in Berlin. Wladimir Sorokin bittet, auf seinem Lederdiwan Platz zu nehmen, über den er – wie oft in russischen Wohnzimmern – eine bestickte Decke geworfen hat, mit Kissen darauf, davor ein roter Teppich. Ein schöner alter Schreibtisch und ein Holzstuhl stehen daneben. Inmitten des Raumes eine Staffelei. Vom Schreibtisch aus schaut man auf die Jugendstilfassaden der gegenüberliegenden Häuser. Die großen Fenster lassen viel Licht herein. An den Wänden moderne Bilder dicht nebeneinander, zum Fenster hin ein Regal mit Büchern und kleinen Figuren. Alles wirkt sehr aufgeräumt und trotzdem warm wie in einem Moskauer Wohnzimmer. Sorokin sitzt genau in der Mitte neben der Staffelei und wirkt fast selbst wie ein Möbelstück. Silberhaar, Mittelscheitel, Bart am Kinn, der 59-Jährige lässt sich Zeit beim Antworten, er spricht leise und langsam, in scheinbarem Gegensatz zum kraftvoll dynamischen Russisch seiner Bücher. Doch was er sagt, hat Wucht.

DIE ZEIT: Sie leben in der Sybelstraße im russischen Berlin der Gegenwart. Vor neunzig Jahren lebten hier russische Schriftsteller, Adlige, jüdische Kaufleute, Maler. Sehen Sie sich als deren Erbe?

Wladimir Sorokin: Ich folge wohl einer großen Tradition, die Russen lieben Berlin schon lange. Aber ich unterscheide mich von den Emigranten der zwanziger Jahre darin, dass ich hier freiwillig bin, nicht gezwungenermaßen. Sie mussten für immer gehen. Emigration ist etwas ganz anderes.

ZEIT: Es gibt auch Paris, London oder New York. Warum Berlin?

Sorokin: Berlin ist für mich kein zufälliger Wohnort. Als ich das erste Mal im Westen war, nach dem Fall der Mauer, war ich genau hier, in Berlin-Charlottenburg. Damals haben junge Moskauer und Berliner Künstler im Westbahnhof eine großartige Ausstellung organisiert. Es war ein Austausch, zu dem ich damals als Schriftsteller eingeladen war. Danach lebte ich 1992 in Berlin als DAAD-Stipendiat. Ich habe die Stadt damals sehr liebgewonnen. Vor einiger Zeit habe ich mir dann den alten Wunsch erfüllt, hier eine Wohnung zu kaufen. Die Stadt hat zwei wichtige Eigenschaften: Weite und die Abwesenheit von Hochmut.

ZEIT: Manchen russischen Emigranten kam Deutschland im Vergleich zu Russland etwas zu ordentlich-langweilig vor. Ihnen nicht?

Sorokin: Ich wuchs natürlich auf im Land der Groteske und der Unvorhersagbarkeit. Ich fühle mich auf halber Strecke zwischen Ordnung und Unordnung. Wenn es mir zu ordentlich wird, will ich dorthin, wenn ich mit der russischen Absurdität konfrontiert bin, will ich hierher.

ZEIT: Moskau ist nicht nur absurd, es ist auch sehr anregend ...

Sorokin: ... leider hat sich mein geliebtes Moskau in den vergangenen zwanzig Jahren zum Schlechteren verändert. Moskau hat sein Gesicht verloren. Ich erkenne es nicht mehr, es macht mir Angst. Es ist nicht mehr meine Stadt. Wir leben vor den Toren Moskaus in einem Häuschen – und ich versuche so wenig wie möglich nach Moskau zu kommen.

ZEIT: Keine Wohnung in Moskau?

Sorokin: Nein, nur das Haus, das nicht sehr weit vom Flughafen entfernt ist. Wegen der Moskauer Staus bin ich von meinem Haus aus manchmal schneller in Berlin als im Zentrum Moskaus.

ZEIT: Haben Sie Freunde in Berlin?

Sorokin: Viele Künstler gehen nach Berlin. Moskau verliert seine Intelligenz, das ist eine Entwicklung der letzten zehn Jahre. Einige Kollegen starben, einige sind sehr alt. Ich treffe jetzt mehr Moskauer Künstler in Berlin als in Russland. Der Moskauer Underground hat sich in den Westen verlagert. Hier gibt es viele Orte, wo man aus seinen Werken vorlesen und Leute treffen kann.

ZEIT: Vladimir Nabokov hat sich in den zwanziger Jahren hier nicht so wohl gefühlt.

Sorokin: In den zwanziger Jahren war Berlin anders, kleinbürgerlicher. Nabokov hat das als Adliger nicht gemocht. Außerdem lebte er sehr ärmlich, musste Geld mit Privatunterricht verdienen. In jeder Stadt ist es wichtig, wie man dich empfängt. Berlin hat Nabokov damals nicht offen empfangen. Hier wurde sein Vater (von zwei russischen Emigranten, Anm. d. Red.) getötet. Das war ein harter Schlag für ihn. Er hat sich nur durchs Schreiben gerettet. Er hat einmal dargestellt, wie er in einer kleinen Wohnung auf dem Bidetdeckel schrieb.

ZEIT: Sie hatten keine Probleme mit der Berliner Willkommenskultur?

Sorokin: Berlin als internationale Stadt ist heute ein europäisches Phänomen. Als ich mir die Wohnung kaufte, war ich kurz danach in Paris, und man gratulierte mir, das sei die "demokratischste Stadt Europas". Aus dem Munde eines Franzosen ist das viel wert. Es ist ähnlich wie in New York. Es fehlt das Gefühl, ein Zuwanderer zu sein. Diese Stadt ist tolerant und lässt alle hinein. Ich glaube, dass das Berlin von 2014 Nabokov gefallen hätte.