Mike hilft Anglern beim Entladen.

Regen platscht auf die Bahntrasse. Er lässt das mannshohe Feuerkraut entlang der Schienen schwanken wie Seegras. Endlich erkenne ich in der Ferne zwei runde Scheinwerfer. Das muss er sein! Die Lichter kommen näher. Jetzt müsste mich der Lokführer sehen. Ich springe ans Gleis und winke mit beiden Armen. Ein bisschen panisch vielleicht. Schaffe ich es wirklich, den Zug mit seiner riesigen Diesellokomotive auf offener Strecke durch bloßes Winken zu stoppen? Klappt das nicht, muss ich drei Tage in der Wildnis am Gold Creek bleiben. Wenn das mal gut geht!

Es hat mich in die Wälder Alaskas verschlagen, weil ich einen abenteuerlichen Zug namens Hurricane Turn ausprobieren wollte. Er pendelt in der Saison viermal in der Woche auf der 93 Kilometer langen Strecke zwischen dem ehemaligen Goldgräberdorf Talkeetna und einem Streckenposten in der Wildnis namens Hurricane. Der Zug ist einer der letzten amerikanischen flag-stop trains: Er hält auf freier Strecke, wenn jemand winkt – im besten Fall mit einem weißen Lappen. Die Menschen, die in den Wäldern entlang der Strecke leben, stoppen ihn, um einkaufen zu fahren, Briefe abzugeben oder Verwandte und Freunde zu besuchen. Und die Touristen gewährleisten das Überleben des Zuges, die Angler und Rafter, Jäger, Bergsteiger und Eisenbahn-Enthusiasten. Und Neugierige wie ich.

Talkeetna, wo mein Abenteuer begann, liegt knapp 200 Kilometer nördlich der größten Stadt Alaskas, Anchorage, und hat nur etwas mehr als 800 Einwohner. Vermutlich gibt es genauso viele Gästebetten. Denn hier ist für Reisende der letzte Stopp vor der Wildnis. Wenn das Wetter mitspielt – und das tut es selten –, kann man über die Wipfel der Wälder hinweg den Denali sehen, Nordamerikas höchsten Berg. Von hier aus starten Touristengruppen zu Rundflügen oder zum Goldwaschen. Der "historische Ortskern" besteht aus 26 Ende des 19. Jahrhunderts erbauten, windschiefen Holzhäusern, heute Restaurants, Bed & Breakfasts, Andenkenläden. Gerne auch alles unter einem Dach. Ein paar große Hotels liegen etwas außerhalb.

In den USA ist das abgelegene Dorf mit hohem Männerüberschuss bekannt für seine witzigen Versuche, heiratswillige Frauen anzulocken. So können Interessierte gegen eine Gebühr von 25 Dollar den male order catalog beziehen, einen Junggesellen-Bestellkatalog. Ein weiteres Kuriosum: Talkeetna, zu klein für einen Bürgermeister, hat einen gewählten Ehrenbürgermeister, das ist Stubbs, die karamellfarbene Katze des Lebensmittelhändlers.

Der Chulitna River windet sich in Richtung Talkeetna.

Der Bahnhof von Talkeetna stellt sich als Asphaltstreifen an den Gleisen heraus. Mit mir haben sich vielleicht 30 Fahrgäste eingefunden. Sie sitzen zwischen Bergen aus Campingzeug und Angelgerät, auf Kisten und Kühlboxen, groß genug, um einen Labrador darin zu verstauen. Die meisten tragen Arbeitsstiefel, Jeans, verwaschene T-Shirts und Accessoires mit Tarnmuster – die Uniform der Wildnis. Eine Fanfare weckt die letzten Langschläfer im Dorf: Unser Zug kommt. Steuerwagen, zwei Waggons mit Abteilen, ein Gepäckwagen. Am Ende schiebt die Lok.

Ein Mann in gestreifter Latzhose und Ballonmütze geht neben dem Zug her. Warren Redfearn, 60 Jahre, arbeitet seit 1975 für die hiesige Eisenbahngesellschaft Alaska Railroad. Erst hat er Schienen gewartet, dann Passagierzüge begleitet. Seit drei Jahren ist er der Schaffner des Hurricane Turn. Und Entertainer. Bevor wir einsteigen dürfen, baut er sich vor uns auf. "Drei Regeln müsst ihr in meinem Zug beachten", sagt er mit Blick in die Runde. "Erstens: Im Zug wird nicht geraucht. Wer rauchen möchte, sagt mir Bescheid. Dann halten wir an." Das sollte man mal im ICE versuchen. "Zweitens: In meinem Zug könnt ihr uneingeschränkt Alkohol trinken – falls ihr daran gedacht habt, welchen mitzubringen." Einige der Fahrgäste kicken zustimmend mit den Stiefeln gegen ihre Kühlboxen. "Drittens: Ihr müsst heute Spaß haben. Andernfalls schmeiß ich euch raus. Der letzte Miesepeter hat 2,6 Sekunden gebraucht, um auf dem Boden aufzuschlagen." Dann bittet er uns in den Zug.

Die Sessel sind breit und weich und in den Farben des Sternenbanners bezogen: Zinnoberrot und Marineblau. Das Linoleum des Bodens glänzt rot. Der Waggon ist nicht neu, aber gut in Schuss. 138 Fahrgäste haben in den Abteilen Platz. Heute ist höchstens ein Drittel der Sitze belegt. Über Lautsprecher informiert uns Warren über die Verpflegung an Bord – keine – und das Getränkesortiment: Filterkaffee, kostenlos. Spende erbeten. Am Fenster gegenüber hängen eine Axt und eine Säge für Notfälle. Der Zug ruckt. Talkeetna verschwindet hinter den Bäumen.

Die Eisenbahn in Alaska ist seit fast 100 Jahren das wichtigste Verkehrsmittel zur Erschließung des menschenleeren Inlandes. Goldwäscher, Fallensteller, Bärenjäger und Ölarbeiter hat die Alaska Railroad befördert, zuverlässiger als die wenigen Straßen. Das Land ist so spärlich erschlossen, dass man sogar Juneau, die Hauptstadt des US-Bundesstaates, nur per Flugzeug oder Boot erreicht. Von den 700.000 Einwohnern Alaskas leben 75 Prozent an einer Eisenbahnlinie.

Es geht am Susitna entlang, dem Fluss, der in den Gletschern des alaskischen Hochgebirges entspringt, im Unterlauf schiffbar ist und im Golf von Alaska mündet. Mit nur 50 km/h ist der Hurricane Turn unterwegs. Ich komme mit einem Touristen in der Reihe vor mir ins Gespräch. Er stellt sich als Programmierer aus Oklahoma vor und ist schon nicht mehr ganz nüchtern. Während wir über die Vorzüge des Bahnfahrens reden, kippt er den kompletten Inhalt einer Bourbonflasche in seine halb volle 1,5-Liter-Flasche Cola – "Reiseproviant". Mich zieht es in Richtung Gepäckwagen. Auch wenn ich da eigentlich nichts verloren habe. "Passagieren ist der Aufenthalt verboten, wenn der Zug in Bewegung ist", mahnt ein Schild. Doch im Internet wird gerade der Gepäckwagen empfohlen, weil man da die Einheimischen treffe, die sich um das Verbotsschild nicht scheren.