Auch auf Facebook schweigt die Diva. Ihr letzter Eintrag dort datiert vom 30. Oktober und zeigt Anna Netrebko in Moskau während einer Gala zu Ehren der russischen Mezzo-Legende Jelena Obraszowa. In Moskau – und nicht in München, wo Netrebko an der Bayerischen Staatsoper unter der Regie von Hans Neuenfels die Manon proben sollte in Puccinis Manon Lescaut. Auch am 26. Oktober dürfte für Proben wenig Zeit gewesen sein, schließlich wird selbst Netrebko nicht jeden Tag mit einem Klassik-Echo geehrt. Am 20. wiederum sah man sie beim Seilrutschen in einem Vergnügungspark in New York, wo sie lebt, am 18. erfreute sie die Opernwelt via HD-Live-Stream mit Verdis Lady Macbeth aus der Met daselbst.

Die Münchner Manon hat Anna Netrebko jetzt, zwei Wochen vor der Premiere, hingeschmissen, wegen Neuenfels und "unterschiedlicher Auffassungen der Titelfigur". Zieht man die zahllosen bayerischen Feiertage und längeren Wochenenden ab, an denen Netrebko nach Hause zu eilen pflegt, zu Söhnchen Tiago, fragt man sich, ob es da wirklich etwas hinzuschmeißen gab. Allzu viele Proben dürfte Anna, die Göttliche, jedenfalls nicht absolviert haben.

Ein Skandal? Ein Skandal! – Freilich erst auf den zweiten Blick. Anna Netrebko mag eine Diva sein, vielleicht die einzige, die die Oper derzeit hat, auch und vor allem aber ist sie ein Superprofi. Was das Regietheater über französische Klosterschülerinnen namens Manon denkt (die bei Puccini nach vier Akten wilder Musik geschändet in der amerikanischen Wüste enden), konnte ihr bislang immer herzlich egal sein. Sie weiß ja, wie die Rolle geht, sie weiß immer, wie ihre Rollen gehen.

Für Hans Neuenfels hingegen mögen die Berserker-Zeiten einer Frankfurter Aida oder eines Berliner Trovatore zwar ein paar Donnerstage her sein, der alte Aufklärer-Eros aber treibt ihn immer noch. Manche Stars machen das mit, Jonas Kaufmann zum Beispiel, den Neuenfels aus Bayreuth kennt und der in München weiter Manons Geliebten Des Grieux singen wird.

Die Konstellation mag von Anfang an unglücklich gewesen sein. Der eigentliche Skandal in München aber ist das Etikettenspiel, das die Bayerische Staatsoper spielt ("Opernhaus des Jahres"), indem sie behauptet, das flüchtige Startheater und das deutsche Regietheater seien ohne Weiteres kompatibel. Solange alle mitspielen, mag das stimmen. Sobald es in der Arbeit jedoch unter die Oberfläche geht und statt Fragen des Terminkalenders Fragen der menschlichen Existenz gestellt werden, wie Puccini sie uns ans Herz legt, funktioniert es nicht mehr. Vielleicht tröstlicherweise.