Die heikelste Frage im Leben eines Artenschützers klingt ziemlich simpel: Welches Tier soll ich schützen? Heikel ist, dass sie auch immer zu einer Entscheidung gegen andere Tiere führt. Das Nashorn oder der fellige Langschnabeligel, der Eier legt und seine Jungen säugt? Der Waldelefant oder der seltene Riesenibis? Der Löwe oder der Chinesische Riesensalamander, die größte Amphibie der Welt?

Schaut man sich an, womit die großen Tierschutzorganisationen für sich werben, findet man vor allem die großen Säuger; die niedlichen Pandas, die schönen Tiger, die uns so ähnlichen Schimpansen. Aber sind das überhaupt diejenigen, die unseren Schutz am ehesten brauchen?

Nicht unbedingt, zumindest wenn man der Zoological Society London glaubt. Sie hat ein System entwickelt, das diese Frage mithilfe genau definierter und messbarer Kriterien beantwortet. Ihr "Edge" genannter Ansatz drückt das Schutzbedürfnis einer Spezies in einer einzigen Zahl aus.

Damit eine Art einen hohen Platz auf einer Edge-Liste bekommt, muss sie zum einen global vom Aussterben bedroht sein. Die Wissenschaftler orientieren sich dabei an der Roten Liste. Je weniger Individuen es von einer Spezies gibt und je schneller diese Zahl fällt, als desto kritischer gilt ihr Zustand.

Zum anderen, und das macht Edge besonders, muss die Art evolutionär und genetisch einzigartig sein. Einen hohen Wert erzielt eine Spezies, die sich vor langer Zeit entwickelt hat und die keine näheren Verwandten mehr hat, wie etwa die Laotische Felsenratte, die seit 44 Millionen Jahren existiert. Zahnwale wie der Große Tümmler oder der Orcawal haben es schwer, auf die Liste zu kommen, weil sie einander sehr ähnlich sind. Der Grundgedanke lautet: Je einzigartiger eine Spezies, desto größer der Verlust an Biodiversität, falls sie ausstirbt.

Für beide Eigenschaften wird den Arten ein Wert zugeschrieben, diese beiden Zahlen werden miteinander verrechnet. Daraus ergibt sich dann der Edge-Score, ein handfestes Kriterium für die Entscheidung, welche Arten den Schutz des Menschen am nötigsten haben.

Ausgerechnet die Spezies aber, mit denen Naturschützer um Spendengelder werben, finden sich kaum auf den so erstellten Listen. Die gibt es bislang für Säugetiere, Amphibien, Vögel und Korallen. Elefanten? Gibt es noch eine halbe Million. Löwen? Sind eng verwandt mit Tigern, Pumas und Geparden.

Die Tierschutzorganisationen arbeiten mit anderen Kriterien als Edge. Für den International Fund for Animal Welfare (IFAW), dessen Logo ein kanadisches Sattelrobbenbaby zeigt, stehen die sogenannten Umbrella-Spezies im Vordergrund. Die Tiger, Elefanten und Wale würden für Aufmerksamkeit sorgen und außerdem eine wichtige Position in ihrem Ökosystem einnehmen: "Sie dienen als Schirmherren. Mit ihrem Schutz ist noch vielen anderen Arten geholfen", sagt IFAW-Sprecher Andreas Dinkelmeyer.

Der Panda, das Wappentier des WWF, kommt immerhin auf der Edge-Liste für Säugetiere vor, allerdings erst recht weit hinten. Den Naturschützern sind andere Kriterien wichtiger, erzählt Volker Homes, Leiter der WWF-Artenschutzabteilung: "Wenn wir über Projekte diskutieren, stellen wir uns unter anderem die Frage, wie wichtig ein Ökosystem für den Menschen ist." Wer etwa Korallenriffe schütze, erhalte gleichzeitig den natürlichen Überschwemmungsschutz an den besiedelten Küsten.

Tatsächlich geht der Trend im Artenschutz dahin, gesamte Lebensräume zu bewahren, denn einzelne Spezies können auf Dauer nur in einem stabilen Habitat überleben. Die Faustregel besagt, dass ein Lebensraum umso beständiger ist, je mehr Arten in ihm vorkommen. Edge könnte helfen, diese schützenswerten Biotope auszuwählen. Und bei aller Kritik am Londoner Vorschlag lenkt er unser Augenmerk auf solche Arten, die die traditionelle Naturschutzarbeit praktisch übersieht. So kann Edge helfen, dass auch der – nicht besonders schöne, aber seltene und einzigartige – Langschnabeligel in Zukunft weiter seine Eier legen kann.