Er kam am Freitag, dem 13. Plötzlich war der Clown da und lief durch die englische Industriestadt Northampton, auf dem Gesicht ein gefrorenes Lachen. Wer ihn sah, empfand einen leichten abgründigen Schauder. Die seltsame Gestalt kam immer wieder und wurde zum Medienphänomen. Sogar CNN schickte ein Kamerateam vorbei. Dann, von einem Tag auf den anderen, verschwand der Unbekannte wieder.

Das war ziemlich genau vor einem Jahr, und nun ist die Clownsfigur zurück, allerdings nicht nur eine, es sind viele, vor allem in Frankreich, ebenso in der Schweiz, in Spanien und Deutschland. Die Clowns streunen durch Fußgängerzonen, einige tragen Waffenattrappen, andere stehen an Straßenecken wie stumme dämonische Zeichen. Ihr Grinsen ist nicht heiter; es ist oft höhnisch und bösartig.

Nachdem maskierte Nachahmer und Trittbrettfahrer brutale Überfälle begingen, herrscht Panik vor den Clowns, die französische Polizei spricht von "kollektiver Hysterie" und will die Kostüme verbieten lassen. In Lille wurde aus Angst vor Clowns eine Großveranstaltung untersagt, ausgerechnet ein Zombie-Walk, auf dem sich Menschen als Untote verkleiden. Mit solchen Maßnahmen kennt die französische Obrigkeit sich aus. Napoleon ließ einst den venezianischen Karneval verbieten, er war ihm zu gefährlich.

Maskenspiele, wird man nun sagen, gab es schon immer, genauso wie böse Clowns. Auch die mythische Kreatur des Zombies, die ursprünglich aus Haiti stammt, treibt seit den amerikanischen Horrorfilmen der siebziger Jahre in der Populärkultur ihr Unwesen. Jetzt tauchen die Fantasiegebilde in der Realität auf. Aber warum?

Die kulturelle Bedeutung von Zombies gibt wenig Rätsel auf. Mit komatöser Trance entsteigen Zombies einem Schattenreich zwischen Leben und Tod, sie essen Menschenfleisch und sinnen auf Rache. Was die Untoten so unheimlich macht, ist die Energie, die sie antreibt – das "Leben" der Toten scheint vitaler zu sein als die erschöpfte Existenz der Lebenden. Diese Eigenschaft macht die mythische Figur zu einer beliebten Krisenmetapher. Nicht zufällig, so die Frankfurter Politikwissenschaftlerin Jeanette Ehrmann, wurde der Zombie nach dem Bankencrash zum Sinnbild für einen Finanzkapitalismus, der als "Untoter" die Welt beherrscht. Das ökonomische System scheint weder richtig lebendig noch richtig tot zu sein, alles geht immer so weiter, die Wiederbelebung der Märkte hinterlässt Zombie-Schulden, und die Menschen drohen in der Arbeitswelt selbst zu Zombies zu werden.

Mit der Invasion der bösen Clowns verhält es sich anders. Sie sind unheimlich, weil sie das Vertraute, die schöne alte Zirkusfröhlichkeit, in etwas radikal Unvertrautes verkehren: Der heitere Schabernack, der uns zum Lachen bringen soll, verwandelt sich in einen fratzenhaften Anarchismus. Was will der Typ hinter der Maske? Warum steht er da rum? Weit mehr als der Zombie verweigert der dämonische Clown die klare Zuordnung. Er ist eine bedrohlich offene und vollkommen unbestimmte Gestalt, eine Ambivalenzfigur, die alle Erklärungsroutinen sprengt und sich in kein Deutungsmuster einlesen lässt.

Der Zombie, so könnte man spekulieren, erobert die kulturelle Fantasie, sobald das Leben sinnlos, leer und, nun ja, zombiehaft zu werden droht. Die Stunde des Clowns schlägt dagegen immer dann, wenn Ängste überhandnehmen und die ganze Welt verrücktspielt. Damit kein Missverständnis aufkommt: Mit den dämonischen Clowns sind nicht die infamen Schläger gemeint, die zwischen Essen und Montpellier unter blickdichten Masken auf Passanten eindreschen, sie ausrauben oder zu Tode erschrecken. Gemeint sind die rätselhaften Pop-Clowns, die wie ein Spuk in Fußgängerzonen auftauchen und mit ihrem kalten bleichgesichtigen Grinsen den Bürgern das Blut in den Adern gefrieren lassen. Solche Clowns erscheinen wie die Allegorie auf eine Welt, die sich selbst unheimlich geworden ist – eine Welt, die derzeit mehr Schreckensnachrichten und Fatalitäten hervorbringt, als das Menschenherz auszuhalten vermag.

Mit der guten alten Herrschaftskritik hat diese Karnevalisierung nichts zu tun, die dämonischen Clowns verlachen weder François Hollande noch Angela Merkel. Die Clowns sind vielmehr Resonanzfiguren; sie betreiben Mimesis an den Schrecken, sie bündeln Bedrohungsgefühle und spiegeln sie als Grimasse in die Gesellschaft zurück. "Ich bin kein Monster", sagt schon Joker, der böse, von Heath Ledger gespielte Clown in Christopher Nolans Film The Dark Knight. "Ich bin nur allen anderen voraus." Nolans Figur ist ein moderner, vom Horror des Realen durchs Leben gehetzter Dämon. Joker kennt die Welt und weiß: Sie ist ein Irrenhaus.