"Stillleben mit Totenschädel": ein typisches Vanitas-Gemälde von Philippe de Champagne (1621–1674)

Nichts kränkt den Menschen so sehr wie seine Sterblichkeit. Dass morgen schon Schluss sein könnte, alles Glück verrauscht – unbegreiflich. Dass uns das Leben genommen wird, ganz gleich, wie sehr wir uns daran klammern – erniedrigend. "Der Tod", sagt Elias Canetti, "ist ein Skandal!" Sterbend gerät der Mensch an eine Grenze, und so etwas ist in der alles beherrschenden Moderne einfach nicht vorgesehen. Da gibt es keine Grenzen, und wenn es sie doch gibt, dann nur, damit wir sie überwinden. Bis heute aber hat sich der Tod als unüberwindlich erwiesen. Skandal!

In der kommenden Woche wird nun der Bundestag darüber debattieren, nicht über den Tod, aber über sein Zustandekommen. Verhandelt wird eine Art neues Grenzabkommen. Denn wenn schon niemand die letzte Grenze aus der Welt schaffen kann, dann möchte der moderne Mensch sie jedenfalls selbst ziehen dürfen. Wenn schon Skandal, dann von Hand gemacht. "Mein Tod gehört mir" heißt das Motto, unter dem sich viele Freunde der Sterbehilfe versammeln. Sie fordern das Recht auf absolute Selbstbeherrschung, sie verlangen, dass der Mensch frei sei: von Schmerzen, von dem Gefühl, anderen zur Last zu fallen, auch von der Zumutung eines Todes, der kommt, wann immer er will.

Nun gibt es viele Gründe für und wider Sterbehilfe. Wirklich verstehen aber lässt sich die Debatte wohl erst, wenn man einen Schritt zurücktritt und sich anschaut, was hinter all den Argumenten sichtbar wird: welches Epochengefühl.

Es ist ja nicht allein der Tod, den viele Zeitgenossen als Kränkung empfinden. Ebenso kränkt es sie, dass der Mensch, der doch sonst an allem partizipieren darf und soll, der sogar selbst bestimmen kann, ob er Männlein oder Weiblein oder etwas ganz anderes sein möchte, eines noch immer nicht gefragt wird: ob er überhaupt sein möchte. Er hat sich nicht selbst gezeugt, hat sich nicht ausgetragen und zur Welt gebracht, nicht mal über seine Eltern durfte er in freier Wahl befinden. Auch das lässt sich für das moderne Subjekt, stolz auf seine Einzigartigkeit, nur schwer ertragen: Hilfe, ich bin das Produkt eines Zufalls!

Dass sich der Anfang nicht steuern und das Ende nicht ausrechnen lässt, das will der Mensch nicht auf sich sitzen lassen. Schließlich lebt er in der Digitalmoderne, und deren wichtigstes Versprechen heißt: Verfügbarkeit. Für alles gibt es eine App, jedes Problem lässt sich in einen Datensatz verwandeln und als solcher beherrschen. Selbst die Liebe sei, sagen die Internetagenten, nur eine Frage des richtigen Logarithmus. Da ist es nur konsequent, dass der Mensch auch das Leben selbst zu programmieren versucht, mit Erbgutanalysen, pränataler Diagnostik, mit dem Versuch, den eigenen Quellcode zu entschlüsseln und neu abzufassen. Den Zufall will er überwinden, er strebt nach Kontrolle über das Unverfügbare – denn erst sie scheint ihm die erstrebte Freiheit zu ermöglichen.

So gesehen, ist die Debatte um Sterbehilfe nur die Kehrseite der jüngsten Diskussion um eingefrorene Eizellen. Einige Internetkonzerne wollen ihren Mitarbeiterinnen das soziale Tieffrosten bezahlen, das Social Freezing, damit die Frauen frei sind, ihre Kinder erst dann zu bekommen, wenn sie es für richtig und für vereinbar mit ihrer Karriere halten. Auch hier geht es im Kern um beherrschtes Leben, um Kontrollgewinn. Darum, der eigenen Vergänglichkeit ein Schnippchen zu schlagen. Es ist für viele ein großes Freiheitsversprechen. Und für nicht wenige eine Drohung.

Denn der Gegenwartsmensch fühlt sich nicht nur gekränkt. Er fühlt sich auch überfordert. Und beide Epochengefühle verstärken sich gegenseitig. Je größer die Kränkung wird, weil sich der Mensch noch immer als unfrei erfährt – gebunden an gesellschaftliche Traditionen, an seinen endlichen Leib, an die Zufälligkeit der eigenen Existenz –, desto emsiger versucht er, sich von diesen Bindungen zu lösen. Er will, soll und darf selbst entscheiden, was und wer er sein will. Er möchte sich so viele Optionen wie möglich offenhalten, möchte am liebsten alles mit allem vereinbaren. Das aber, das stete Abwägen, Erörtern, Beschließen und wieder Verwerfen, erweist sich oftmals als schwere Überforderung.

Noch vor dreißig Jahren war das anders: Damals galten viele Lebensbahnen als vorgezeichnet, es gab nicht den permanenten Zwang, sich zu entscheiden und die einmal getroffene Entscheidung klug zu begründen. Heute gilt so gut wie nichts mehr als gegeben, ein jeder ist angehalten, zu wählen, was das Beste für ihn sei: welcher Handytarif, welche Schulform, welche Zahnzusatzversicherung, welche Form der Vorgeburtsdiagnostik, welches Girokonto, welche Sterbensart. Je mehr der Mensch aber gezwungen ist, alles selbst zu regeln, desto leichter wird er zum Objekt des eigenen Regelzwangs. Und nicht selten zum Opfer von Depression und Burn-out. Er reibt sich auf an seiner Mündigkeit. Er ist der Meister seines Glücks und zugleich dessen Opfer.