Briten feiern 2012 das 60. Thronjubiläum der Queen. © Ian Gavan/Getty Images

Großbritannien ist anders. Wir standen abseits, als die ersten sechs Partner 1957 die Römischen Verträge unterschrieben. Als wir 1973 der EWG beitraten, hatten wir gerade das größte Weltreich aller Zeiten aufgelöst und mussten uns neu orientieren. Uns ging es weniger darum, den Frieden in Europa zu zementieren (was die Gründerstaaten getan hatten), sondern wir wollten unseren Wohlstand sichern. Im Gegensatz zu allen anderen neuen Beitrittsländern folgte bei uns aber kein Wirtschaftsboom. Stattdessen erlebten wir die schlimmste Rezession der Nachkriegszeit. Das löste eine Debatte aus – darüber, ob Europa die richtige Antwort auf die strategische Frage nach unserem Platz in der Welt sei.

Diese Debatte hat nie aufgehört. Eine große Zahl meiner Landsleute muss neuerlich davon überzeugt werden, dass Europa für uns die Antwort ist. Es gehört zu unserer demokratischen Tradition, dass wir in grundlegenden Dingen unser Volk befragen. 1975 hielten wir ein Referendum zur EWG-Mitgliedschaft ab, und Premierminister Cameron hat angekündigt, dass er das Volk ein zweites Mal befragen wird, falls die Konservativen die Wahlen im Mai 2015 gewinnen.

Es gibt gerade einigen Wirbel um die Arbeitnehmer-Freizügigkeit. Deutsche und Briten ziehen an einem Strang gegen den Missbrauch dieses Rechts – es soll den EU-Bürgern erlauben, in anderen EU-Ländern zu arbeiten, nicht aber, sich leichten Zugang zu deren Sozialsystemen zu verschaffen. Demografisch unterscheiden wir uns jedoch: Ohne Zuwanderung verliert Deutschland bis Mitte des Jahrhunderts 20 Millionen Einwohner, während die Bevölkerung Großbritanniens weiter wächst. Wir haben in Sachen Freizügigkeit keine Forderungen gestellt, sondern nur angezeigt, dass auch darüber geredet werden muss.

Großbritannien muss für seine Sache eintreten. Aber wir brauchen die Unterstützung gleichgesinnter Partner. Dazu zählen wir Deutschland. Unsere Länder sind offene, liberale und privatwirtschaftlich orientierte Volkswirtschaften. Wir glauben beide an den Freihandel, wir wollen beide den Schuldenabbau und die Vermeidung von Defiziten.

Unser letztes Referendum fand gerade in Schottland statt. Zwischen diesem Referendum und einem möglichen EU-Referendum gibt es mindestens zwei (ich hoffe sogar, drei) Parallelen. Erstens wünschen sich unsere Bürger diejenige politische Regelung, die ihrer Identität am besten Ausdruck verleiht. Zweitens beunruhigt es sie, dass ihr Alltag von Leuten bestimmt wird, die in weiter Ferne sitzen. In Schottland hatten die Befürworter der Unabhängigkeit das Gefühl, ihre schottische Identität werde von der britischen erdrückt. Sie fanden, dass London zu wenig Rücksicht auf ihre Belange nahm. Was nun die EU angeht, sehen die Befürworter des EU-Ausstiegs ihren britischen Charakter durch Europa gefährdet, sie finden, ihre Stimme wird im fernen Brüssel nicht gehört.

Und wie die Schotten sich entscheiden mussten, müssen es auch die Briten. Anderen Akteuren kommt dabei eine diffizile Rolle zu. Das neue Autonomie-Angebot aus London hat geholfen, in Schottland eine zweistellige Mehrheit für den Verbleib in der Union zu erreichen. Ich würde mir wünschen, dass unsere europäischen Partner im Falle eines britischen EU-Referendums 2017 eine ähnliche Rolle spielen, indem sie sich für den Verbleib Großbritanniens in der EU starkmachen. Deutschland und Großbritannien sind füreinander die größten Handelspartner in der EU. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist die dienstälteste Regierungschefin der EU, und sie führt Europas größte Volkswirtschaft. Was also dürfen wir uns von ihr und von Deutschland erhoffen?

Wir Briten sehen ein, dass wir "Hausaufgaben" zu erledigen haben. Wir müssen die Wähler überzeugen, dass ihre besten Zukunftsaussichten in der weiteren EU-Mitgliedschaft liegen. Dafür aber brauchen wir – da sind sich bei uns alle einig – eine neue Vereinbarung mit unseren Partnern. Und dazu sind Verhandlungen nötig.

Erstens hat die Einführung des Euro Europa verändert. Das ursprünglich gemeinsame Projekt besteht jetzt aus zwei Hälften. Ab 1. Januar 2015 wird es 19 Euro-Länder und neun Nicht-Euro-Länder geben. Darum brauchen wir klare Schnittstellen-Regeln zwischen Euro-Zone und Binnenmarkt. Zweitens gilt es, etwas gegen das verbreitete Gefühl zu unternehmen, Brüssel mische sich ohne Ende in Alltagsangelegenheiten ein. Wir müssen den Grundsatz der Subsidiarität neu beleben – also die deutsche Idee, dass politische Aufgaben so bürgernah wie möglich erledigt werden. Befugnisse müssen an die nationale, Länder- oder kommunale Ebene zurückgegeben werden können. Drittens müssen wir Europas demokratische Legitimation stärken. Britische Wähler wollen sicher sein, dass ihr Parlament in Westminster ein größeres Mitspracherecht in europäischen Angelegenheiten erhält.

Deutschland und Großbritannien stehen in Brüssel in vielen Politikbereichen Seite an Seite. Gemeinsam haben wir die erste Absenkung des EU-Haushalts überhaupt erreicht. Gemeinsam sind wir die stärksten Befürworter der Freihandelsabkommen mit Nordamerika. Aber wir sind mehr als nur pragmatische Partner. Kein europäisches Projekt, das den Anspruch erhebt, ganz Europa zu repräsentieren, kommt ohne Großbritannien aus. Auf internationaler Bühne wäre Europas Einfluss ohne Großbritannien erheblich geringer. Und wir glauben, dass Europas erfahrenste Regierungschefin das auch weiß. Ich hoffe, dass sich Bundeskanzlerin Merkel dafür einsetzen wird, dass es bei einem britischen EU-Referendum noch zu einer dritten Parallele mit dem Schottland-Referendum kommt – dass nämlich die Entscheidung für die Union ausfällt!

Sir Simon McDonald ist seit 2010 britischer Botschafter in Deutschland