Weit ist der Weg zum Entscheider. Asylbewerber, die vor Thomas E.s Schreibtisch stehen, haben meist Tausende von Kilometern zurückgelegt: auf einem Lkw aus Georgien, einem schwankenden Boot aus Marokko, auf Eseln über die Berge Afghanistans. Manche hat die Polizei aufgegriffen, manche melden sich selbst.

Wer erkunden will, welches Gesicht die Bundesrepublik den Flüchtlingen zeigt, der muss dorthin, wo das Asylverfahren seinen Gang nimmt – in das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BaMF), an den Schreibtisch des Entscheiders. Zwischen 50 und 100 Flüchtlinge treffen derzeit täglich in Chemnitz ein. Bevor sie vor Thomas E. treten, hat man sie fotografiert, ihre Fingerabdrücke genommen, ihre Lungen abgehört, ihre Papiere geprüft. Er entscheidet, ob sie bleiben dürfen, in ein anderes EU-Land überstellt – oder zurückgeschickt werden.

Thomas E. ist jung, erst 35 Jahre alt. Man fragt sich, ob jemand in diesem Alter das schon kann: Entscheidungen von solcher Tragweite treffen. Aber E. will seine Macht nicht zu groß aufgeblasen sehen. "Ich bin hier nicht Herr über Leben und Tod", sagt er. "Wer bei sich daheim wirklich in Gefahr für Leib und Leben geriete, den schicke ich nicht zurück, das darf ich gar nicht!" Der Entscheider möchte seinen Nachnamen trotzdem nicht in der Zeitung lesen.

In diesem Jahr mussten 340 Entscheider über 200.000 Asylanträge befinden – "meine Kollegen und ich fühlen uns gelegentlich wie im Zentrum eines Sturms, den keiner hat kommen sehen", meint E. und greift mit beiden Händen um die Schreibtischplatte. Die Flüchtlingsorganisationen fordern: "Nehmt mehr!", Anwohner rufen: "Bei uns nicht!", die Kommunen sagen: "Macht gefälligst schneller!", dazu Neonazi-Aufmärsche hier in Sachsen, Schlägereien zwischen den Asylbewerbern, gleich in der Erstaufnahme, hinter seinem Büro – "man darf nicht versuchen, das alles mit sich selbst auszumachen", sagt E.

An diesem Vormittag empfängt der Entscheider zwei Frauen, deren Fälle die beiden empfindlichen Punkte der Flüchtlingsdebatte dieser Tage berühren: eine Romni aus Serbien und eine Syrerin aus Homs. Auf dem langen Flur zu E.s Büro steht ein heftig atmender, schwerer Mann, dessen Blick so eindringlich ist, dass man unweigerlich stehen bleibt. "Where are you from?", fragt ihn jemand. Schon beim Wort "Syria" steigen ihm Tränen in die Augen. Dann muss er weiter, Fingerabdrücke abgeben.

Es wird viel geweint hier. Thomas E. hat auf seinem Schreibtisch ein Päckchen Taschentücher aufgefächert, eine Wasserflasche steht bereit.

Es gibt im Amt Sonderbeauftragte für Frauen und für Homosexuelle

Die Tür geht auf, der Entscheider erhebt sich. Er trägt einen Anzug mit einer silber-violetten Krawatte, als Zeichen des Respekts vor den Flüchtlingen. Der Dolmetscher tritt ein, hinter ihm Frau A., die ihre Handtasche fest umklammert. Der Entscheider lächelt sie ermutigend an, doch auch der Ernst der Situation soll ihr nicht entgehen: "Dies hier ist der wichtigste Teil Ihres Asylverfahrens. Was Sie jetzt nicht vorbringen, wird später eventuell nicht mehr berücksichtigt."

Frau A. versucht, bescheiden zu sein und zugleich ihre Not klarzumachen. Ihr Satz "Mein Mann und ich sind Roma" drückt für sie schon alles aus, was sie zum Verlassen ihrer Heimat gezwungen hat. In ihm schwingt das Elend mit, die Verachtung, der Dreck, die Armut. Doch für die Anerkennung als Asylbewerber reicht das nicht. Thomas E. und Frau A. sitzen sich gegenüber, als lägen Tausende von Kilometern zwischen ihnen. Der Entscheider versucht, ihr Brücken zu bauen: "Hatten Sie jemals Schwierigkeiten mit staatlichen Stellen? Hatten Sie Schwierigkeiten mit Privatpersonen?" Hätte sie Ja gesagt, eine Verletzung vorweisen können oder eine schwere Krankheit, die in Serbien und angesichts ihrer Lage nicht behandelt werden kann, dann, sagt E. nachher, "dann hätten wir ihr helfen können. Aber so ging es nicht. Es ging einfach nicht." Frau A. verneint all das und spürt dann selbst, dass es vorbei ist. Ein letzter Versuch: "Entschuldigen Sie! Es gab eine Überschwemmung! Das hat uns noch mehr in Schwierigkeiten gebracht!" Thomas E. wiederholt ihre Angaben und spricht alles in ein kleines, silbernes Diktiergerät, inklusive der Satzzeichen. Dann reicht er Frau A. die Hand. 45 Minuten hat das Gespräch gedauert. Als sie zum Abschied erstmals lächelt, sieht man, dass ihr drei Vorderzähne fehlen. "Auf Wiedersehen! Sie erhalten von uns Bescheid!" Als sie gegangen ist, schaut der Entscheider einen Moment schweigend vor sich hin. Frau A. hatte stolz erwähnt, dass sie ihre Kinder schon an einer deutschen Schule angemeldet hat. "Da werden sie nicht bleiben können, so leid mir das tut", sagt Thomas E. "Es geht einfach nicht."

Im Bundesamt für Migration, dessen Hauptsitz seit 1953 in Nürnberg ist, hat eine kleine Kulturrevolution stattgefunden. An der Gesprächsführung von Thomas E., der seit 2003 dabei ist, kann man sie ablesen. Bis vor wenigen Jahren war ein Entscheider "weisungsunabhängig" – ein "absolutes Unikum im deutschen Verwaltungsrecht", wie die Chemnitzer Amtsleiterin Birgit Bublinski bemerkt. Der Entscheider konnte praktisch nach eigenem Ermessen eine Befragung wie ein Kommissar führen, den Bewerber einschüchtern, ihn desinteressiert abfertigen oder ihm helfen, je nach Gemütslage.

Das geht heute nicht mehr, und zwar nicht nur, weil immer häufiger Anwälte die Ablehnungsbescheide vorgelegt bekommen. Das Amt hat sich seit den frühen 2000er Jahren einen Mentalitätswechsel verordnet. Die Leitung nahm auch Vorurteile und Rassismus der eigenen Mitarbeiter ins Visier. Alle durchlaufen jetzt eine Pflichtschulung zur "interkulturellen Sensibilisierung". Die Fragen sind seither für jeden gleich, die Bewertungskriterien lassen wenig Spielraum.