"Wäre es fair, wenn ein Assistenzarzt für seine Arbeit im Krankenhaus nur mit einem Taschengeld bezahlt würde? Wäre es sinnvoll, wenn ein Pfleger während seiner Ausbildung samstags noch an der Supermarktkasse jobben müsste, um seine Miete zusammenzukratzen? Wäre es gerecht, wenn eine Schülerin in der Krankenpflege kaum Anspruch auf Urlaub hätte?

"Natürlich nicht! All diese Menschen erfüllen mit ihrer Arbeit eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. Sie werden anständig dafür bezahlt und dürfen sich zwischendurch erholen.

"Auch wir Psychotherapeuten in Ausbildung bemühen uns täglich um das Wohl der Gesellschaft. Wie Assistenzärzte, Pfleger und Krankenpflegeschüler versorgen wir jedes Jahr Tausende kranke und hilfsbedürftige Menschen: Menschen, die unter schwersten Depressionen leiden, Menschen, die nach einem Unfall oder einer Vergewaltigung mit schweren Traumata zu kämpfen haben, Menschen, die alkohol- oder drogenabhängig sind.

"Nach einem mehrjährigen Psychologiestudium absolvieren wir eine psychotherapeutische Zusatzausbildung an meist privaten Instituten (siehe Kasten Seite 80). Laut Lehrplan dauert sie in Vollzeit drei Jahre, aber fast niemand schafft sie so schnell – weil man während dieser Zeit bereits 1800 Stunden in psychiatrischen Kliniken arbeiten muss. Dazu kommen 600 Stunden in einer Ambulanz. An den Wochenenden besuchen wir an unserem Institut Theorieseminare, zwischendurch diskutieren wir mit erfahrenen Therapeuten die Behandlung unserer Patienten. Wir arbeiten 50, 60, manchmal 70 Stunden pro Woche. In einigen Krankenhäusern sind wir zeitweise alleine für ganze psychiatrische Stationen verantwortlich.

"Aber was bekommen wir für unsere Arbeit? "Oft nicht mehr als ein Taschengeld!" Viele von uns haben weniger Urlaub, als der Gesetzgeber vorschreibt. Viele von uns stocken ihren Lohn mit Hartz IV auf oder schlagen sich mit Wochenendjobs durch.

"Schuld an unserer Lage ist ein Gesetz, das seit 15 Jahren unverändert ist: das Psychotherapeutengesetz. Es ist ein Gesetz, das den Kliniken und Praxen keine Vorschriften für unsere Bezahlung macht. Ein Gesetz, das unsere Ausbeutung legitimiert. Seit Jahren soll es reformiert werden. Passiert ist bislang: nichts. Jetzt haben wir endlich die Chance dazu!

"In der kommenden Woche trifft sich der Deutsche Psychotherapeutentag, das mächtigste Gremium unseres Berufsstandes, zu seiner halbjährlichen Versammlung in München. 130 Psychotherapeuten aus ganz Deutschland werden unter anderem darüber diskutieren, ob sie dem Gesundheitsminister konkrete Vorschläge für eine Reform unserer Ausbildung machen. Von allen Mitgliedern des Psychotherapeutentages fordern wir: Lasst uns nicht länger im Stich!