Der Schriftsteller Haruki Murakami in Kyōto © Yoshikazu Tsuno/AFP

Man fragt sich bei Haruki Murakami jedes Mal aufs Neue: Wie macht er’s bloß? Wie kann so ein einfältig und flach wirkendes Erzählen solch eine Wirkung entfalten? Spiegelglatte Textoberflächen, von keinerlei Empfindung gekräuselt oder sonst irgendwie persönlich eingefärbt, die zugleich scheinbar einen direkten Blick ins Herz der Figuren zulassen. Alles wirkt auf den ersten Blick ohne Subtext, in kindlich anmutender Harmlosigkeit einfach ausgesprochen.

"Kafaku war schon mit vielen Frauen im Auto mitgefahren. Er unterteilte sie grundsätzlich in zwei Typen: Die einen fuhren ihm zu waghalsig, die anderen zu vorsichtig. Zahlenmäßig überwogen – glücklicherweise – die letzteren." So beginnt die erste von sieben Geschichten in Murakamis neuestem Buch, dem Erzählungsband Von Männern, die keine Frauen haben, nach dem Weltbestseller Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki gleich das zweite in diesem Jahr. Und schon nach diesen wenigen Strichen meint man diesen Kafaku zu kennen. Distanziert, mit ängstlichem Unbehagen sitzt er neben Frauen im Auto. Der gouvernantenhaft geseufzte Einschub "glücklicherweise" stempelt ihn schließlich vollends zum Langweiler. Drive my Car heißt die Erzählung, nach einem Song der Beatles, und wie in allen Geschichten dieses Bandes geht es auch in dieser um einen eher farblosen, eher mittelalten melancholischen Mann, der irgendwie ein Problem mit meist abwesenden Frauen hat.

In Wirklichkeit ist an diesem Anfang nur die Anmutung schlicht, während das irritierende Spiel mit den Erwartungen des Lesers längst begonnen hat: Denn wohin laufen Assoziationen automatisch, wenn es heißt: "Kafaku war schon mit vielen Frauen im ..."? Und Frauen, die unterteilt werden, werden eben auch geteilt, im Sinne von zerschnitten. Haruki Murakami transportiert mit seinem zurückgenommenen Anfang schon ziemlich viel an uneingestandener Leidenschaft und latenter Aggression. Und als wollte er mithilfe Kafakus einen ironischen Blick in seinen Zauberkasten gewähren, lässt er den Absatz so enden: "Insgesamt betrachtet fahren Frauen rücksichtsvoller als Männer. Allerdings geht ihre höfliche und defensive Fahrweise anderen Verkehrsteilnehmern bisweilen auf die Nerven."

Genau. Denn bisweilen geht auch Haruki Murakamis defensiver, untertouriger Erzählfluss auf die Nerven, und natürlich soll er genau das. Er ist einfach zu schlicht, um nicht kalkuliert zu sein, eine subtile Provokation, die einige Leser unerträglich ärgert, bei sehr vielen anderen aber zu einer diffusen Unruhe führt, die sie wie hypnotisiert weiterlesen lässt.

Kafaku, der mittelerfolgreiche Schauspieler, denkt übrigens so viel über Auto fahrende Frauen nach, weil er seinen Führerschein verloren hat und nun einen Chauffeur braucht und dafür eben eine Frau vermittelt bekommt. Misaki ist allerdings keines der schon berühmt gewordenen ätherischen Murakami-Mädchen, sondern eine stämmige, wortkarge Person, die Kette raucht und Kafaku auf Anhieb sympathisch ist, weil sie so ruhig fährt. Zwischen den beiden passiert – nichts. Zumindest nicht das, was der Anfang andeutet. Es gehört zu den einfach raffinierten Tricks der Murakami-Dramaturgie, dass die akkumulierte Spannung nicht aus den Figuren herausbricht oder zu zwischenmenschlichen Eskalationen führt. Sie arbeitet vielmehr autoaggressiv im Inneren der Figuren oder treibt die Handlung über die Grenze des Realistischen ins Unwirklich-Traumhafte hinein. Oder sie manifestiert sich – wie in diesem Fall – in emotional kaum zu ertragenden Konstellationen, die umso schicksalhafter wirken, weil sie am Gleichmut der Figuren nichts ändern.

Kafaku erzählt Misaki, seine Frau sei an Gebärmutterkrebs gestorben und habe ihn über die Jahre mit mehreren Männern betrogen, obwohl die Ehe harmonisch gewesen sei. Und dass er sich mit einem der Liebhaber nach dem Tod seiner Frau getroffen habe, um diesen Widerspruch zu verstehen. Misaki fragt überrascht, ob das nicht eine große Qual gewesen sei. "Ich kann es nicht leugnen ... Aber ich spielte meine Rolle. Das ist schließlich mein Beruf." – "Eine andere Person zu werden", sagt Misaki. – "Richtig."

Da lässt Murakami gelassen aussprechen, was die meisten seiner Figuren wünschen. Sie wollen andere werden, wobei nie ganz klar ist, wohin die Reise gehen soll und ob diese Sehnsucht selbstquälerischer Natur, kindlichen Regressionstendenzen oder einem Bedürfnis nach persönlichem Wachstum geschuldet ist. Kafaku muss den ahnungslosen Exgeliebten seiner Frau immer wieder treffen, obwohl er die Vorstellung, dass seine Hand "den nackten Körper meiner Frau gestreichelt" hat, kaum erträgt. Er ist von dem Bild besessen, als "säße ein heimatloser Geist in einem Winkel meiner Zimmerdecke und ließe mich nicht aus den Augen". Zwischen den beiden entsteht so eine "Trinkfreundschaft", eine gefährliche, spannungsgeladene Nähe. Üblicherweise gäbe es nun zwei Möglichkeiten: Rache oder Vergebung. Murakami wählt einen dritten Weg. Er lotst Kafaku zur schmerzhaften Erkenntnis, dass die Frage nach den Motiven seiner Frau schon die falsche ist. "Ich hatte es direkt vor Augen, aber ich konnte es nicht sehen", sagt er. "Falls diese Blindheit existiert, sind wir alle damit geschlagen", antwortet der Exgeliebte.

Unsere Handlungen sind nicht zu verstehen, sie folgen unterirdischen, nicht zu steuernden Strömen – das ist keine bahnbrechende Erkenntnis. Aber unerhört ist die Art, in der uns Murakami in Drive my Car so nah an den glühenden Lavafluss des Irrationalen führt, dass man dessen Hitze zu spüren meint. Mit eleganter Selbstverständlichkeit lässt er die Wucht des Kreatürlichen (falls das Wort passen sollte) hervortreten und vermittelt zugleich einen dezenten Trost, der darin liegt, endlich seine Illusionen los zu sein.

Es sind nicht alle Geschichten so gelungen austariert. In Das eigenständige Organ verliebt sich ein erfolgreicher Schönheitschirurg, der unverheiratet und mit vielen Affären dafür 52 Jahre alt werden musste, dann aber so heftig, dass er viel zu plakativ buchstäblich an der Liebe verendet. In Samsa in Love verwandelt sich ein Käfer erst in Gregor Samsa, verguckt sich dann in eine bucklige Frau, die er, in menschlichen Umgangsformen noch unkundig, mit seiner Erektion verschreckt – als Verbeugung vor Kafka ist das nicht mehr als eine Fingerübung. Doch selbst die schwächeren Erzählungen vermitteln dieses süß-mulmige Murakami-Gefühl: dass da irgendwo unter der Zimmerdecke ein heimatloses Wesen hockt, Bedrohung und Schutz zugleich.