Arbeitsamt in Madrid © Andrea Comas/Reuters

Mal ehrlich: Blicken Sie noch durch? Der Euro: lebt noch. Italiens Banken: sind halb tot. Spanien: ist nicht mehr pleite. Griechenland: ist wieder fast pleite. Südeuropas Jugendliche: sind arbeitslos. Der Arbeitsmarkt in Deutschland: hat fast keine Probleme. Frankreichs Staatshaushalt: macht Probleme. Die Europäische Zentralbank (EZB): rettet den Euro. Die Deutsche Bundesbank: findet die Rettungsmethode gefährlich.

Das ist schon recht unordentlich. Aber nun haben einige Ökonomen und Regierungen auch noch ein neues Sorgenkind der Weltwirtschaft ausgemacht: Deutschland, das Land mit dem bald ausgeglichenen Haushalt und den wenigen Arbeitslosen.

Die Deutschen und ihr verrückter Finanzminister, so geht die Erzählung, sind wegen ihrer Sparwut schuld am Elend der sogenannten europäischen Krisenstaaten, weil sie ihnen nicht erlauben wollen, mehr Schulden zu machen. Außerdem werde Deutschland bald selbst in eine Krise geraten, wenn seine Politiker nicht einsehen, dass ihr Land eine Art Sanierungsfall ist, der, diese Phrase darf nie fehlen: von der Substanz lebe. Das angebliche ökonomische Wunderkind Deutschland ist demnach in Wahrheit eine Schlaglochrepublik ohne Zukunft, weil seine Regierung Straßen und Brücken vergammeln lässt.

Der deutsche Finanzminister will davon nichts hören. Er will keine Schulden machen, um die Schlaglöcher zu füllen und in die Zukunft zu investieren, und er möchte um der gemeinsamen Währung willen auch nicht, dass andere Euro-Staaten mit Schuldengeld die kratergroßen Schlaglöcher in ihren Staatsfinanzen ausgießen. Bei den Treffen mit seinen Ministerkollegen aus aller Welt ist er inzwischen so einsam, dass er an den Autofahrer erinnert, der im Radio von einem Geisterfahrer hört und aufgebracht ruft: "Einer? Nein, tausend!"

Es nimmt also kein Ende mit Europas Politikern in der Euro-Krise. Sie sind ein Club der Geisterfahrer. Wer in die richtige Richtung fährt, ist kaum mehr zu sagen. Nun rasen sie wieder aufeinander zu ...

Stopp! Standbild. Ordnen wir das mal.

Tatsächlich harren viele Straßen in Deutschland der Modernisierung, zu wenige leistungsfähige Kabel verbinden Orte außerhalb der Metropolen mit dem Internet – und der Stellenwert der Bildungsausgaben lässt sich am Zustand vergammelnder Schulgebäude ablesen. Dabei profitiert ein Land in der Zukunft von nichts mehr als von Investitionen in die Bildung seiner Kinder, gute Straßen sind hilfreich, und ein bisschen Internet kann auch nicht schaden.

Schäuble folgt aber dem Schild mit der schwarzen Null, um den ausgeglichenen Haushalt zu erreichen. Dabei könnte er mit dem einen oder anderen Umweg nicht nur dem Gegenverkehr ausweichen und Unfälle mit seinen ausländischen Amtskollegen vermeiden. Mit ein paar Ausgaben für Zukunftsprojekte käme er auch dem eigentlichen Ziel einer jeden guten Finanzpolitik näher: mehr Wohlstand. Darum geht es ja. Ein ausgeglichener Haushalt ist kein Selbstzweck.

Den Rest Europas werden ein paar Milliarden Euro, gegossen in deutschen Beton, aber nicht aus der Misere retten. Das Argument ist ein Schein-Argument. Staatliche Investitionen in deutsche Straßen hätten bestenfalls geringe Wachstumseffekte auf die Nachbarländer. Dass Deutschland morgen zusammenbricht, wenn es nicht tausend neue Brücken baut, ist vor allem der skurrile Alarmismus von ein paar Ökonomen-Schamanen, die ihr Foto gern in der Zeitung sehen, und auch der einer seltenen Allianz von Industrie- und Gewerkschaftsvertretern, die auf Aufträge und höhere Löhne spekulieren.

In Wahrheit wollen Schäubles Gegner unter den Finanzministern der Euro-Länder, dass er auf seiner Fahrt in Richtung schwarze Null wendet, damit sie selbst nicht mehr umdrehen müssen. Damit sie höhere Schulden machen können, als die Regeln der Euro-Staaten erlauben. Schäuble soll dann auch der Europäischen Zentralbank nicht mehr widersprechen, wenn sie ihnen das Schuldenmachen erleichtert. Das Argument: Nur so gebe es eine Chance auf eine bessere Zukunft und ein Ende der Krise.