Für Craig Weisz beginnt alles mit einem Spiel. Es ist das Jahr 1968, Craig ist fünf Jahre alt, ein aufgeweckter Knabe mit braunen Locken, der an diesem Tag aufgeregt durch seinen Kindergarten rennt. Endlich darf er ins "Überraschungszimmer". Das ist ein fensterloser, kleiner Raum mit kahlen Wänden. In der Mitte stehen ein Stuhl und ein Tisch in Kindergröße, sonst nichts. Craig nimmt Platz, vor ihm liegt ein Spielzeug aus Plastik, eine Rakete vielleicht oder ein Auto. So genau weiß Craig das heute nicht mehr. Bevor er nach dem Ding greifen kann, erklärt ihm ein fremder Mann, dass jetzt ein Spiel beginnt. Die Regeln des Spiels: "Du kannst dir das schöne Ding jetzt sofort nehmen, oder du lässt es liegen und wartest, bis ich wiederkomme. Wenn du das fertigbringst, schenke ich dir noch ein zweites Spielzeug obendrein. Was möchtest du tun?"

Craig denkt kurz nach und entscheidet sich fürs Warten.

Wenige Augenblicke später ist er allein. Er starrt gebannt auf das bunt glänzende Spielzeug, das er nicht anfassen darf. Warum eigentlich nicht, denkt Craig sich plötzlich. Dann schnappt er sich das Ding. Doch das ist ihm nicht genug, er will jetzt auch die Belohnung haben. Und zwar sofort. Also reißt er die Schubladen des Tisches auf, und tatsächlich – er findet, wonach er gesucht hat: noch mehr Spielzeug.

Dann ist Craigs jüngere Schwester Carolyn dran. Sie ist damals vier. Vor ihr liegt kein Plastikspielzeug, sondern ein Marshmallow. Die Regeln aber sind dieselben: Sie kann den Mäusespeck entweder sofort essen, oder sie wartet, bis der Mann – heute wissen die Geschwister, es war ein Versuchsleiter – zurückkehrt, und bekommt dann ein zweites Stück. Carolyn Weisz kann sich nicht mehr selbst an die Situation erinnern, aber ihr Bruder Craig bezweifelt nicht, dass sie damals der süßen Versuchung widerstanden und damit den Versuch bestanden hat. Und Carolyn Weisz selbst meint heute: "Ich bin sicher, ich habe das Marshmallow nicht gegessen. Ich war immer gut im Warten."

Die Geschwister ahnten damals nicht, dass sie nicht allein waren. Hinter einer dunklen Glaswand saßen Psychologen und beobachteten die Kinder. Sie wollten ursprünglich herausfinden, welche Ablenkungsmanöver sich bereits Kinder einfallen lassen, um einer Verlockung zu widerstehen. Am Ende entdeckten die Forscher dann aber nichts Geringeres als den Schlüssel zum Erfolg. Die These des Experiments, das unter dem Namen Marshmallow-Test weltweit bekannt wurde, lautet: Nicht allein die Intelligenz entscheidet über das Weiterkommen im Leben, auch nicht die Herkunft, also aus welchem Elternhaus einer stammt. Nein, mindestens ebenso wichtig seien zwei ganz und gar unterschätzte, meist unbemerkte Eigenschaften: Geduld und die Disziplin, sich in Verzicht zu üben, um später umso mehr zu bekommen. Den kleinen Fisch vorbeischwimmen zu lassen, um den Wal an Land zu ziehen.

Zwischen Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre nahmen 562 Jungen und Mädchen aus dem Kindergarten der kalifornischen Elitehochschule Stanford am Marshmallow-Test teil. Zahllose Folgestudien laufen bis heute, und gerade ist in den USA ein Buch über das berühmte Experiment erschienen: The Marshmallow Test: Mastering Self-Control.

Ausgerechnet Geduld soll über Erfolg im Leben entscheiden? In einer Zeit, die die Ungeduld zur Tugend und "Alles, aber sofort!" zu ihrem Imperativ erhebt? Man shoppt per Mausklick – und erwartet prompte Lieferung. Man checkt in einem fort sein Smartphone, um ständig am Ball zu sein. Man jettet um die Welt, und wehe, der Flieger hat eine halbe Stunde Verspätung. Die Geschwindigkeit, mit der sich Fußgänger durch die Stadt bewegen, hat innerhalb eines Jahrzehnts um zehn Prozent zugenommen. Wer sich einen Film von 1965 ansieht, dem fallen heute über den langen Schnittsequenzen die Augen zu. Bewerbungstrainer raten, auf die Frage nach der größten eigenen Schwäche zu antworten: Ungeduld. Denn die sei in Wahrheit eine Stärke.

Und da soll Geduld die entscheidende Erfolgsgarantie sein?

46 Jahre nachdem er die Autos aus der Schublade gerafft hat, sitzt Craig Weisz in einer Bar in Teaneck, einer Kleinstadt eine halbe Autostunde nördlich von New York. Er ist ein gemütlicher Typ. Seine Haare, noch immer dunkel und ein bisschen gekraust, sind ein Stück von der Stirn abgerückt. Über der Hose zeichnet sich ein Bäuchlein ab. Er lacht, als er das Mitbringsel sieht: eine große Tüte Marshmallows, classic vanilla flavor. "Die esse ich jetzt natürlich nicht!", sagt Weisz und rührt die Tüte tatsächlich nicht an. Nach dem Versagen mit dem Spielzeug damals, erzählt er, habe er das Spiel noch einmal spielen wollen. Aber die Leute im Kindergarten hätten das für "keine gute Idee" gehalten.

Craig Weisz hätte beim Marshmallow-Test nicht eindeutiger durchfallen können. Und auch wenn er sich heute nicht gleich über die Süßigkeit hermacht, war sein weiteres Leben von da an vorbestimmt. Das jedenfalls ist das Ergebnis der Forschungen: Wer sich als Kind schon beim Marshmallow nicht am Riemen reißen kann, bringt diese Selbstdisziplin auch als Erwachsener nicht auf. Wem es hingegen gelingt, der Versuchung zu widerstehen, der hat eine verheißungsvolle Zukunft vor sich.

So simpel und schonungslos scheinen die Versuchsergebnisse: Zehn Jahre nach der Geduldsprobe konnten sich jene kindlichen Probanden, die gewartet hatten, besser konzentrieren als die ungeduldigen. Sie konnten besser mit Frustrationen umgehen, waren selbstbewusster, erzielten bei Intelligenztests höhere Werte und hatten die besseren Schulnoten. Zwanzig Jahre später hatten sie häufiger einen Uni-Abschluss, ihre Beziehungen waren stabiler, sie waren schlanker und nahmen seltener Drogen. Auch in den folgenden Jahrzehnten blieben die Unterschiede unübersehbar.

Eine ganze Reihe weiterer psychologischer Untersuchungen deuten in eine ähnliche Richtung. Eine Studie unter Tiroler Schülern kam zu dem Ergebnis: Unbeherrschte Jugendliche geben mehr Geld für Zigaretten und Alkohol aus als ihre geduldigen Mitschüler. Ein Forscherteam aus Harvard fand heraus, dass Menschen, die eine Belohnung nicht erwarten können, mit größerer Wahrscheinlichkeit übergewichtig oder fettleibig sind. Eine Langzeitstudie aus Neuseeland mit mehr als 1000 Teilnehmern konnte sogar mehrere Zusammenhänge zwischen Geduld und Erfolg nachweisen: Wer seine Bedürfnisse unter Kontrolle hat, bricht seltener die Schule ab, verdient später mehr, spart eher und hat weniger Schulden. Die Frauen werden seltener ungewollt schwanger und ziehen ihre Kinder weniger oft allein groß. Männer verfallen seltener der Spielsucht und landen mit geringerer Wahrscheinlichkeit im Gefängnis.