"Er bringt seine Zahlen nicht!" Mit diesen Worten beschrieb der Abteilungsleiter einen langjährigen Projektentwickler. Angeblich hielt der Mitarbeiter seine Kollegen durch Plauderei von der Arbeit ab. Die Frage war: Wie ließe sich das ändern?

Ich durfte ein paar Tage lang die Abläufe im Unternehmen verfolgen. Und musste feststellen: Der vermeintliche Störer war die Seele der Abteilung. Bei ihm versammelten sich der Azubi, der seine Hausaufgaben durchsprechen wollte, die junge Kollegin, die einen Ratschlag für ihr Projekt suchte, ein Teamleiter, der über seine kranke Tochter reden wollte. Sein Büro war ein Umschlagplatz für informelle Informationen und eine Anlaufstelle für Ratsuchende. Von seinen Kollegen wurde der Entwickler geschätzt, weil sein Ohr und seine Tür immer offen waren. Ihn zeichnete das aus, was Henry James im Leben für entscheidend hält: Menschlichkeit.

Schon wahr, der Entwickler kam nicht so oft zum Arbeiten, wie es nötig gewesen wäre, um optimale Ergebnisse zu erreichen. Dennoch erfüllte er in einem unternehmerischen Gefüge eine wichtige soziale Funktion. Wer einen solchen Mitarbeiter entlässt, nur weil die Zahlen nicht stimmen, verkennt die systemischen Zusammenhänge. Gerade in einer Zeit, da das Menschliche oft auf der Strecke bleibt und der Arbeitsdruck wächst, sind Kollegen wichtig, die sich Zeit für andere nehmen.

Ob jemand ein Faulpelz ist, der sich auf Kosten der anderen ausruht, oder eine wichtige Anlaufstelle für seine Kollegen, lässt sich aus der Chefperspektive oft schwer beurteilen. Warum dann aber nicht die anderen Mitarbeiter nach ihrer Wahrnehmung fragen? Wenn herauskommt, dass sie den Kollegen schätzen, ihn als Gewinn für die eigene Arbeit und das eigene Wohlbefinden sehen, geht seine Funktion offenbar über den eigenen Arbeitsbereich hinaus.

Mitarbeiter sind keine Milchkühe, deren Ertrag sich auf den Milliliter ermitteln lässt. Ihre Bedeutung für das soziale Gefüge kann wichtiger sein als ihre Einzelleistung. Der besagte Mitarbeiter wuchs in den Augen seines Chefs, als ich von seiner Bedeutung berichtete. Und er durfte seine Doppelfunktion behalten: als Projektentwickler. Und als Seele des Teams.