Einer muss hier gewaltig schiefliegen: Laut Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) sollen sich ausländische Autofahrer künftig mit jährlich 700 Millionen Euro an der Finanzierung deutscher Autobahnen beteiligen. Laut ADAC kommen bei den Plänen aber nur 262 Millionen Euro an Einnahmen heraus. Nach Abzug der laufenden Kosten für das Mautsystem bleiben nach Dobrindts Kalkül rund 500 Millionen netto im Bundessäckel hängen, der ADAC schätzt, dass die Einnahmen von den Ausgaben für Aufbau und Kontrolle des Systems mehr als aufgefressen werden.

Wer recht hat, ist von entscheidender Bedeutung. Denn wenn der ADAC auch nur einigermaßen richtig liegt, verfehlt der jetzt im Kabinett vorgelegte Gesetzentwurf des Bundesverkehrsministers "zur Einführung einer Infrastrukturabgabe für die Benutzung von Bundesfernstraßen" sein Ziel, mehr Geld zum Erhalt der Straßen einzutreiben, radikal. Es könnte am Ende sogar ein Verlust herauskommen, weil die Ausgaben die Einnahmen übersteigen. Dann müsste die in Gang gesetzte Gesetzesmaschinerie um die Pkw-Maut für Anfang 2016 gestoppt werden. Drei verschiedene Typen von Vignetten sieht der Gesetzentwurf vor. Aber nur wenn richtig Geld reinkommt, hat der Aufwand einen Sinn. Nur dann lässt sich der große Ärger, den sich die Deutschen bei ihren Nachbarn mit der "Ausländermaut" einhandeln, einigermaßen rechtfertigen.

Die ZEIT hat ADAC und Verkehrsministerium deshalb um Aufklärung gebeten. Wie kommen die jeweiligen Zahlen zustande? Welche Annahmen liegen der jeweiligen Kalkulation zugrunde? Was macht den krassen Unterschied aus?

Beim ADAC in München ist man gerne bereit, Auskunft zu geben. Das Verkehrsministerium hingegen kann oder will trotz mehrfacher Nachfragen nicht erklären, wie genau die 700 Millionen Euro an Einnahmen durch ausländische Pkws zustande kommen sollen. Das ist nicht nur ein bemerkenswerter Vorgang. Er verstärkt auch den Eindruck, dass der Minister sich die Pkw-Maut womöglich schöngerechnet hat, um sie politisch durchsetzen zu können.

Und beim ADAC? Die Zahlen für die Einnahmen, auf die sich der Automobilclub beruft, stammen aus einem Gutachten des renommierten Münchner Verkehrswissenschaftlers Ralf Ratzenberger. Es wurde 2013 vorgestellt und im August 2014 nach den revidierten Plänen des Verkehrsministeriums aktualisiert. Auf 27 Seiten hat Ratzenberger seine Berechnungen und Prognosen, die auf zugänglichen Statistiken verschiedener Erhebungen in der Vergangenheit beruhen, detailliert aufgelistet. Das Gutachten auf der ADAC-Website ist für jeden zugänglich.

Der Verkehrswissenschaftler geht von jährlich 157 Millionen "Einfahrten" ausländischer Pkw nach Deutschland aus. Zieht man alle jene ab, die Autobahnen wahrscheinlich meiden, bleiben noch gut 148 Millionen übrig. Doch Einfahrt ist nicht gleich Einfahrt. Unterschiedliche Gruppen von Ausländern nutzen das deutsche Straßennetz für unterschiedliche Zwecke, argumentiert Ratzenberger. Er teilt sie ein: Berufspendler, die jenseits der Grenze wohnen und in Deutschland arbeiten, Geschäftsreisende, Urlauber sowie Anwohner grenznaher Regionen, die nur kurz zum Einkaufen rüberkommen. Die Frage, welche Gruppe welchen Anteil an den Einfahrten hat, ist von entscheidender Bedeutung. Während Tagespendler auf bis zu 250 Einfahrten im Jahr kommen, fahren Urlauber einmal rein und wieder raus. Je nach ihrem Nutzungsprofil lösen die unterschiedlichen Gruppen auch unterschiedliche (elektronische) Vignetten. Berufspendler und regelmäßige Einkäufer werden fast immer zur Jahresvignette greifen, Kurzurlauber werden eine oder maximal zwei Zehn-Tages-Vignetten lösen, anderen passt die Zwei-Monats-Vignette am besten.

Nach den Berechnungen Ratzenbergers, die er unter anderem aus den Zählstellen der Autobahnen ableitet, machen die vielen Pendler und Einkäufer und Geschäftsleute, die zur Jahresvignette greifen würden, rund 24 Prozent derjenigen Ausländer aus, die deutsche Autobahnen nutzen. 60 Prozent sind Urlauber, die Ratzenberger zufolge meist eine Zehn-Tages-Vignette kaufen würden. Der Rest werde wohl die Zwei-Monats-Variante wählen. Da die Jahresvignettenkäufer aber sehr viel häufiger die Grenze passieren, machen sie einen Großteil der "Einfahrten" aus. So reduziert sich nach den Berechnungen des Verkehrswissenschaftlers die Gesamtzahl der ausländischen Mautzahler drastisch: auf rund 9,3 Millionen Vignetten und 6,7 Millionen betroffene Pkw.

Rechnet man die 9,3 Millionen Vignetten nun mit dem jeweiligen avisierten Vignettenpreis hoch, kommt Ratzenberger auf die besagten 262 Millionen Euro. Natürlich sei das nur eine Prognose, räumt der Wissenschaftler ein, aber selbst wenn man die Annahmen in einem realistischen Rahmen variiere, könnten im Extremfall nur rund 100 Millionen Euro mehr oder weniger durch ausländische Pkw in die deutsche Staatskasse gespült werden.

Dem gegenüber steht die Schätzung der ADAC-Experten für die Ausgaben für das Mautsystem. Aufgrund der "Erfahrungen im Ausland und der Lkw-Maut" gehen sie von 300 Millionen Euro jährlich aus. Selbst wenn es etwas günstiger werde, sei klar: "Es bleiben keine erheblichen Einnahmen aus der Ausländermaut übrig."