"Mein Lohn? Ein kostenloses Essen"

Meine Ausbildung war so fürchterlich, dass ich mich ungern daran erinnere. Vor allem die Geldsorgen haben mich ständig umgetrieben. Ich war oft so knapp bei Kasse, dass ich über jede Essenseinladung von Freunden froh war.

Anfangs war ich auf der psychiatrischen Station einer Klinik und habe dort mit Traumapatienten gearbeitet. Mein Lohn? Ein kostenloses Mittagessen. Später habe ich ambulant Patienten behandelt. Pro Stunde bekam ich 32 Euro. Gar nicht so schlecht, könnte man denken. Das Problem war nur: Für die Räume, in denen ich meine Sitzungen abgehalten habe, musste ich jeden Monat rund 130 Euro Miete zahlen. Dazu kamen Kosten für die Supervision: Durchschnittlich zwei bis drei Stunden pro Woche habe ich die Therapiestunden, die ich gegeben hatte, mit einem erfahrenen Psychotherapeuten besprochen. Eine Stunde kostete mich durchschnittlich knapp 70 Euro. Bei neun Stunden im Monat waren das rund 600 Euro.

Obendrauf kamen die monatlichen Gebühren für die theoretische Ausbildung und natürlich meine Miete, Fahrtkosten und Lebensmittel. Ich hatte fast 1.500 Euro Fixkosten – bei nur 1.100 Euro Einkommen. Um etwas dazuzuverdienen, habe ich Gesundheitskurse für eine Krankenkasse geleitet. Obwohl ich eine 40-Stunden-Wochen hatte, habe ich jahrelang ergänzend Hartz IV bekommen.

Meine Ausbildung ist jetzt drei Jahre her. Heute arbeite ich als niedergelassene Therapeutin – und kämpfe mit dem nächsten Problem, das viele junge Therapeuten kennen: Ich bekomme keinen Kassensitz. Die Krankenkassen vergeben seit Jahren immer weniger Zulassungen, obwohl die Zahl psychischer Erkrankungen steigt. Patienten werden die Kosten für Therapiestunden aber nur erstattet, wenn der Therapeut einen Kassensitz hat. Sonst müssen sie die Behandlung privat bezahlen – was nur wenige wollen oder können.

Wird doch mal eine Kassenzulassung frei, muss man sie dem bisherigen Inhaber abkaufen. In meiner Region liegen die Kosten dafür bei etwa 50.000 Euro. Ich spare also schon wieder – ohne zu wissen, ob ich jemals einen Sitz bekomme.

*Hanna Lange, 39, arbeitet als Therapeutin

"Nicht mal einen Tag Urlaub für die Hochzeit"

Während meiner Ausbildungszeit auf der psychiatrischen Station eines Krankenhauses bin ich schwanger geworden. "Glaub bloß nicht, dass es für dich jetzt Sonderregeln gibt", hat mein Chef zu mir gesagt. Obwohl ich mit dem Krankenhaus einen Praktikantenvertrag hatte und pro Stunde nicht mehr als drei Euro verdient habe, ist mir nie jemand entgegengekommen.

Als Praktikantin sollte man in der Klinik eigentlich ersetzbar sein. Ich war aber wie eine Vollzeitkraft im Dienstplan eingeteilt. Ich durfte zwar Urlaub nehmen, aber die Zeiten bestimmte mein Chef. Als ich heiraten wollte, hat er sich zum Beispiel geweigert, mir freizugeben. Mir war durch die Schwangerschaft auch häufig übel. Einmal habe ich mich krankschreiben lassen, weil es mir so schlecht ging. Nach ein paar Tagen rief mein Chef an und fragte, wann ich endlich wiederkommen würde.

All diese Ungerechtigkeiten wollte ich nicht auf mir sitzen lassen. Als das Klinikpersonal gestreikt hat, war für mich völlig klar, dass ich mich dem Streik anschließe. Und was ist passiert? Der Betriebsrat des Krankenhauses hat mich vorab gewarnt: Als Psychotherapeutin in Ausbildung hätte ich keine Arbeitnehmerrechte und dürfe deshalb leider nicht streiken. Ich war so erbost, dass ich mich gerichtlich wehren wollte, aber dazu fehlte mir einfach das Geld.

Obwohl ich Vollzeit gearbeitet habe, bin ich abends und am Wochenende kellnern oder babysitten gegangen. Ich hatte fast immer 60-Stunden-Wochen. Trotzdem habe ich so wenig verdient, dass ich nach der Geburt unseres Sohnes gerade einmal Anspruch auf den Mindestbetrag von 300 Euro Elterngeld hatte.

Meine Monate in der Klinik sind zum Glück vorbei. Nun fehlt noch der Ausbildungsblock in einer ambulanten Praxis, den ich bald beginne. Mit unserem kleinen Sohn wird das ein echter Spagat, er ist jetzt zehn Monate alt. Die meisten Patienten werde ich abends betreuen, wenn mein Mann aus dem Büro zurück ist. Wenn sich unsere Arbeit mal überschneidet, muss ich einen Babysitter engagieren. Wo ich das Geld dafür hernehmen soll, weiß ich noch nicht.

Nele Pirsch, 29, beginnt bald ihre Ausbildung in einer ambulanten Praxis