Wenn er nur das Ziel schon sehen könnte. Zehn Jahre dauert die Reise jetzt, sagt Andrea Accomazzo, "wir sind, Stand heute, 766.627.215 Kilometer von der Erde entfernt", und noch immer weiß Accomazzo nicht, wo genau sich "der Ort" befindet. Der Punkt im Weltall, an dem die Reise ihr Ende finden soll. Noch immer grübelt Accomazzo darüber nach, wie dieser Ort wohl aussehen mag. Ob er eher einer Wüste ähnelt, einem Gebirge oder einer weichen Welt aus Staub.

Heute, das ist der 12. Februar 2014. Andrea Accomazzo, Flugdirektor bei der Europäischen Raumfahrtbehörde (Esa), ein drahtiger Italiener Anfang vierzig, das Haar akkurat geschnitten, fühlt sich in diesen Winterwochen wie Christoph Kolumbus. Er wartet darauf, dass der Atlantik ein Ende nimmt. Seine Santa Maria heißt Rosetta.

Rosetta ist eine Raumsonde, Accomazzo steuert sie mit seinem Computer. Er kann sich in Rosetta hineinfühlen und hineindenken wie ein Kapitän in das Schiff, das er über den Ozean navigiert. Er kann 33.000 verschiedene Informationen über Rosettas Zustand auf die Erde herabholen, über Drehraten, Rotationsgeschwindigkeiten, Oberflächentemperaturen und die Position der Antenne. Er kann 6.794 Kommandos ins All schicken, mit denen er der Sonde sagt, was sie tun soll.

Über all die Jahre hat Accomazzo Rosettas Schwächen zu akzeptieren gelernt, wie bei einem Lebenspartner. Accomazzo weiß, dass zwei der vier Schwungräder, die Rosetta vor dem Taumeln bewahren sollen, unter Abnutzung leiden. Und dann dieser Druckabfall im Treibstofftank...

Manchmal stellt sich der Raumfahrtingenieur Andrea Accomazzo Rosetta auf ihrer Reise vor, gefüllt mit Technik auf dem Stand der neunziger Jahre, umgeben von zwei Solarsegeln, die wie Flügel aussehen, auf mühseligem Weg durch schwarze, weite Kälte zum Ziel: zu einem Kometen namens 67P/Tschurjumow-Gerassimenko, kurz 67P/C-G.

Niemand weiß allzu viel über 67P/C-G. Ein Brocken Staub und Eis, aufgespürt im Jahr 1969 von zwei Jungforschern am Institut für Astrophysik der Universität Alma-Ata, Kasachstan. Vermutete Größe: einige Kilometer im Durchmesser. Auf eine Karte projiziert, würde 67P/C-G nicht einmal den Chiemsee in Bayern ausfüllen. Es handelt sich um einen von unzähligen Kometen, die unser Sonnensystem durchkreuzen und manchmal auf die Teleskopbilder der Astronomen geraten, als winzige Lichtpunkte mit Schweif. 67P/C-G ist ein Jedermann im Universum – für ihn entschieden sich die Planer der Esa, weil er im Spiel von Raum und Zeit ganz gut erreichbar sein würde.

Dieses Himmelskörperchen soll Accomazzo ansteuern. Er muss Rosetta bis auf einige Kilometer an den Kometen heranbringen, dann soll die Sonde ihn umkreisen – eine Art kosmischer Paartanz, während die beiden, Raumschiff und Komet, gemeinsam durchs Weltall gleiten. Kaum jemals hat sich die Raumfahrt so nah an ein so kleines, flüchtiges Ziel herangetraut. Und als wäre das nicht genug, soll Rosetta im November 2014, ein Dreivierteljahr nach diesem Februartag, eine Minisonde ausstoßen. Ein Labor von 110 Kilogramm Gewicht, bestückt mit Instrumenten, die 67P/C-G auf den Leib rücken können. Sie sollen erkunden, woraus genau er besteht, außer aus Staub und Eis; welche Stoffe und Teilchen man dort aufspüren kann.

Es wäre die erste Landung auf einem Kometen. Und ist schon jetzt: das größte Raumfahrtabenteuer des neuen Jahrtausends.

Rosetta ist unterwegs im Auftrag Europas. Überall auf dem Kontinent sitzen Forscher in ihren Instituten und warten auf Neuigkeiten von ganz oben. Große Fragen sind ja noch ungelöst, solche, die man sich stellen mag, wenn man nachts seinen Kopf zum Sternenhimmel erhebt: Wo kommen wir her? Warum ist nicht nichts? Warum ist unsere Erde der Ort, den wir kennen? Und weshalb konnte sich hier Leben entwickeln?

Ein ferner Brocken aus Eis und Staub hat mehr mit uns zu tun, als man denken könnte. Das lernt man, wenn man die Forscher und Weltraumfahrer während ihres neunmonatigen Countdowns begleitet. Für sie ist 2014 das Jahr, in dem sie Antworten bekommen könnten, manche haben ein ganzes Berufsleben lang darauf hingehofft. Es ist das Jahr einer akribisch geplanten Entzauberung. Kometen, über Jahrtausende als Unheilsbringer und Schicksalsverkünder bestaunt und gefürchtet, sollen jetzt endlich ihre Geheimnisse preisgeben.