Die Fortschritte der Medizin verstärken bei vielen Menschen die Angst vor einem langen Sterben.

Vor fast zehn Jahren veröffentlichte Bartholomäus Grill in der ZEIT einen bewegenden Artikel über den Freitod seines unheilbar kranken Bruders Urban, der sich entschlossen hatte, in die Schweiz zu reisen, um dort sterben zu können. Die Reaktion sei überwältigend gewesen, schreibt er in seinem jetzt erschienenen Buch Um uns die Toten, in dem der Bericht neben anderen Geschichten um das Sterben noch einmal abgedruckt ist (Siedler Verlag, 19,99 €). In der Mehrzahl habe es sich bei den Briefen um Hilferufe von Menschen gehandelt, die – verzweifelt krank wie sein Bruder – sich ein würdiges Ende wünschten und nicht wussten, wie und wo sie es finden könnten.

Urban war Mitglied bei dem Schweizer Verein Dignitas geworden, nachdem er die Hoffnung auf Heilung des Mundbodenkarzinoms hatte aufgeben müssen. Sein Leiden war schrecklich. Seine Ärzte empfahlen weitere chirurgische Eingriffe. Doch der Sterbende wollte nicht, dass sein Sterben verlängert, sondern dass es verkürzt würde. Urban Grill hatte das Glück, dass seine Geschwister ihm halfen. Sie fuhren ihn in die Schweiz, begleiteten ihren 46-jährigen Bruder in den Tod.

Zehn Jahre später sind wir wieder mittendrin in der Diskussion über assistierten Suizid, Tod auf Verlangen, Sterbenlassen, aktive, passive oder indirekte Sterbehilfe, Sterbebegleitung. Manchmal werden die Begriffe liederlich durcheinandergeworfen. Selbst Ärzte, Betreuungsrichter oder Anwälte wissen oft nicht, wann eine Straftat vorliegt, wann eine Maßnahme zwar nicht illegal, aber standesrechtlich verboten ist. Das Durcheinander ist furios. Selbst die Muster-Berufsordnung der Bundesärztekammer wurde nur von 10 der insgesamt 17 Landesärztekammern übernommen. Sodass in Berlin erlaubt ist, was in Potsdam den Arzt seine Approbation kosten könnte.

Seitdem Gesundheitsminister Hermann Gröhe erklärt hat, dass nicht nur organisierte und kommerzielle Sterbehilfe verboten werden solle, sondern jegliche Intention der Lebensverkürzung, hat er die Debatte um das Wie des Sterbens erneut befeuert. Denn ab wann ist hinter ärztlichem Handeln eine auf den Tod gerichtete Intention zu vermuten? Wenn durch Gabe von lindernden Schmerzmitteln in Kauf genommen wird, den Sterbeprozess womöglich zu verkürzen? Wenn ein Arzt – weil es in der Patientenverfügung so steht – bei einem unheilbar Kranken das Beatmungsgerät abstellt? Würden diese Maßnahmen in dem Gröheschen Gesetz, das der Bundestag am 13. November diskutiert, unter Strafe gestellt?

Unter christlich-kirchlichen Aspekten darf Sterbehilfe – fast egal, in welcher Form – nicht gewährt werden. Das Leben, das Gott gab, darf der Mensch nicht nehmen. Im Tod das Leiden Christi auf sich zu nehmen sollte dem Gläubigen Prüfung und Freude sein. Wem diese Glaubensintensität nicht gegeben ist, der hat Angst, meist weniger vor dem Tod als vor dem Sterben.

Es ist schon bemerkenswert, dass der bleiche Schauder, der wohl die meisten von uns angesichts des Todes erfasst, mit den Errungenschaften des medizinischen Fortschritts wächst. Die Entwicklung der Apparatemedizin beruhigt nicht, sondern jagt den Sterbenden den blanken Schrecken ein. Die meisten Deutschen möchten zu Hause und nicht im Krankenhaus sterben. Und dennoch fühlen sich viele Ärzte berufen, Leben um jeden Preis zu retten. Noch immer ist für viele Ärzte der Tod ihr Feind und sein Sieg ihre Niederlage. Und deshalb legen sie bei Sterbenden noch Magensonden, Harnleiterschienen oder verschreiben selbst ganz am Ende noch hoch dosierte Chemotherapien.

Selbstbestimmt sterben heißt die Antwort von immer mehr Menschen auf diese Entwicklung. Und so haben auch zwei neue Bücher dieses Postulat in ihre Titel aufgenommen. Geschrieben wurden sie von Ärzten, die das selbstbestimmte Sterben allerdings höchst unterschiedlich interpretieren. Uwe-Christian Arnold heißt der eine. Von Haus aus ist er Urologe und seit 20 Jahren tätig als Sterbehelfer. Hunderten von unheilbar kranken Menschen, schreibt er, habe er den Medikamentenmix zubereitet, damit sie sanft entschlafen konnten. Arnold arbeitet nicht illegal. Da Selbstmord in Deutschland keine Straftat ist, wird auch die Beihilfe zum Suizid nicht strafrechtlich verfolgt. Obgleich es natürlich auch da Ausnahmen gibt. Der Arzt, der den Trunk bereitet hat, muss allerdings das Zimmer in dem Moment verlassen, in dem der Sterbende im Vorraum des Todes ankommt, weil er sonst wegen unterlassener Hilfeleistung angezeigt werden könnte.

Wenn man in Arnolds Buch die Überschrift liest Wie ich zu " Dr. Tod" wurde, wird man hellhörig. Und wenn man in einem Fernsehbeitrag gesehen hat, wie Arnold mit einer Kaffeemühle durch die Lande reist, um bei sterbewilligen Patienten die tödlichen Tabletten im kreischenden Mahlwerk zu zerkleinern, damit sie in Wasser aufgelöst werden können, dann kriecht einem ein fröstelnder Unwillen in den Kopf. Und doch findet man sich bei der Lektüre des Buches immer wieder zustimmend nickend. Warum eigentlich soll denjenigen, die es wünschen, die letzte Hilfe verwehrt werden, mit der sie weiterem Elend entgehen könnten? Ist die Aussicht auf Sterbehilfe nicht auch Lebenshilfe? Weil für unheilbar Kranke die Gewissheit, dass ihnen am Ende des Weges einer beim Sterben hilft, eine solche Erleichterung bedeutet, dass es sich bis dahin besser leben lässt.

Offen bleibt, ob Arnold immer allein entscheidet, wann ein Sterbewille authentisch ist. Das wäre in höchstem Maße irritierend und schmeckte nach Anmaßung. Deshalb wird in den verschiedenen Gesetzesvorlagen zur Sterbehilfe gefordert, dass ein zweiter Arzt hinzuzuziehen sei. Erschreckend ist, dass Arnold das selbstbestimmte Sterben allein auf den assistierten Suizid bezieht. Auch Menschen, die aufhören zu essen und zu trinken und weitere Behandlungen ablehnen, bestimmen ihr Ende selbst. Zwar spricht Arnold sich für eine umfassende palliativmedizinische Versorgung aus, zürnt aber, dass die Palliativkollegen auf der Unterscheidung zwischen "Hilfe beim Sterben" und "Hilfe zum Sterben" beharren, er unterstellt ihnen sogar dubiose Gründe für diese Haltung, Freitodbegleitungen, schreibt er, würden ja den spendenfreudigen Medikamentenherstellern Umsatzeinbußen bescheren. Da fragt sich der Leser, ob Arnold das palliative Konzept wirklich verstanden hat. Denn dort geht es ja gerade auch um die wohltuenden Auswirkungen menschlicher Zuwendung und geistiger Innerlichkeit, um die psychosoziale Begleitung von Sterbenden. Zuhörer verschreiben keine Pillen. Für familiäre Versöhnungen – oft so wichtig für einen "guten" Tod – braucht es keine künstliche Ernährung.

Arnolds Fazit, dass Palliativmedizin und Freitodbegleitung einander ergänzen, teilen die meisten Palliativmediziner nicht: Gerade haben sich in Deutschland die Lehrstuhlinhaber für Palliativmedizin gegen den ärztlich assistierten Suizid ausgesprochen – eine solche Beihilfe sei keine ärztliche Aufgabe, sagen sie. Das klingt kurios. Wer sonst soll helfen? Der Klempner? Der Pfarrer? Und doch ist diese Haltung sehr ernst zu nehmen, offenbart sie doch tief sitzende Ängste deutscher Ärzte, mit todbringendem Handeln verknüpft zu werden (Stichwort Euthanasie).