"One man, one vote, one time", "freie Wahlen, aber nur einmal" markieren immer wieder den Tod demokratischer Experimente. Siehe Ägypten, wo die Muslimbrüder demokratisch an die Macht kamen, dann von der Armee weggeputscht wurden. Dito in Gaza, wo Hamas 2006 den ersten und letzten freien Urnengang zugelassen hat. Umso mehr muss die Welt Tunesien bewundern, wo das Volk nun schon zum zweiten Mal frei gewählt hat: 2011 die Verfassungsversammlung, vor zehn Tagen das Parlament. In zwei Wochen wird Tunesien einen legitimen Präsidenten küren.

Der Kontrast zu Ägypten (Diktatur), Libyen (Chaos), zum Irak (IS-Terror) und zu Syrien (Rundum-Gemetzel) könnte nicht frappierender sein. Tunesien war das erste und bleibt das einzige Frühlingsland zwischen Maghreb und Mekka. Warum? Die Autorin Soumaya Ghannoushi lobt die abgeschlagene islamistische Nahda-Partei, die in zwanzig Jahren Europa-Exil die "Kunst des Kompromisses und des Konsenses" gelernt habe. Das ist nicht die ganze Geschichte.

Vor drei Jahren wurde an dieser Stelle (Sonderfall, 20. Januar 2012) eine gewagte Voraussage gemacht: Nur Tunesien könnte es schaffen, weil es allein "reif" für die Demokratie sei. Parteien und Personen sind wichtig, entscheidend aber ist der "Unterbau" – Ökonomie und Soziologie –, gemessen an vier Zahlensätzen.

Erstens der Schwellenfaktor "Pro-Kopf-Einkommen", das anders als in den Petrostaaten erwirtschaftet werden muss, statt aus dem Sand zu sprudeln. Das tunesische ist doppelt so hoch wie das ägyptische. Zweitens "Bildung": Als die Arabellion ausbrach, gab Tunesien dafür 7,2 Prozent der Wirtschaftsleistung aus, Ägypten nur etwa halb so viel – für eine achtmal so große Bevölkerung. Drittens "Öffnung": Der Exportanteil der Wirtschaft betrug 40 Prozent des BIP; das ist ein europäischer Wert. Auch hier gilt: Ölexporte wie im Golf fördern nicht Globalisierung, sondern Abschottung. Viertens "Urbanisierung": In Tunesien leben zwei Drittel der Menschen in Städten, in Ägypten sind es nur zwei Fünftel.

Übersetzen wir die Zahlen ins Politische. Sie summieren sich zu einem einzigen Begriff: "Mittelschicht", einem klassischen Motor der Demokratisierung. So geschehen im Westen vor 100, 150 Jahren, in den Diktaturen Taiwan, Südkorea, Portugal und Spanien im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. Je reicher ein Land, desto mehr reklamiert das aufstrebende Bürgertum Mitsprache. Je offener es ist, desto stärker das Beispiel von außen, sei’s durch Handel oder Auslandsstudium, etwa: "Das können wir auch." Gemessen an Tunesien, waren die arabischen Diktaturen 2011 Fußkranke der Globalisierung.

Der fünfte ist ein einzigartiger Glücksfaktor. Tunesien ist ein geradezu perfekter Nationalstaat. Fast hundert Prozent der Bevölkerung sind Berber und Sunniten. Ein Blick in die Runde zeigt: Wohlstand, Urbanisierung und Bildung verblassen, wo ethnischer und konfessioneller Hass die Staaten zwischen Bosporus und Hindukusch zerreißen. Die islamische Welt kämpft nicht gegen den Westen, sondern gegen sich selber.

Tunesien bleibt der Sonderfall. Zwei freie Wahlen und die kommende Präsidentenwahl signalisieren, dass das erste Frühlingsland noch lange das einzige bleiben wird. Den anderen fehlt das Fundament, auf dem sie den Weg aus Diktatur und Bürgerkrieg trassieren könnten.