Im September verbreitete ein irakischer Fernsehsender eine Satire über die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Eine Szene zeigt, wie eine jüdische Frau und der Satan ein Kind zeugen, während ein Cowboy Pate steht. Am Ende schlüpft ein bärtiger Dschihadist aus einem Ei. Die Autoren des Sketches wollten sich über jene lustig machen, die glauben, dass die Vereinigten Staaten und der israelische Auslandsgeheimdienst Mossad für die Entstehung des IS verantwortlich sind. Nicht alle Zuschauer werden es als Satire erkannt haben.

Die Theorie, ausländische Mächte steuerten den IS, kursiert schon länger. Zu Beginn dieser Woche wurde sie noch einmal vom stellvertretenden Außenminister des Irans bekräftigt: Allein die Tatsache, dass der IS nicht gegen Israel vorgehe, bestätige dessen Zusammenarbeit mit Tel Aviv.

Die vermutlich erste Quelle für diese Behauptung ist eine obskure arabische Website namens Shababek. Dort stand zu lesen, die Geheimdienste Israels, der USA und Großbritanniens hätten den IS erschaffen, um Israels Sicherheit zu gewährleisten, indem dieser anderswo Chaos säe. Der IS-Chef Al-Bagdadi sei dazu vom Mossad trainiert worden. Shababek berief sich auf The Intercept – dort sei alles enthüllt worden.

The Intercept ist eine Investigativ-Website, die über ihren Redakteur Glenn Greenwald, einen Vertrauten Edward Snowdens, tatsächlich Zugang zu einem Teil von dessen Material hat. Doch einen derartigen Bericht hat The Intercept nie gebracht. "Ich habe ihn niemals so etwas sagen hören", erklärte Greenwald denn auch.

Gleichwohl, versehen mit dem Snowden-Siegel, verbreitete sich die Theorie rasant. Arabische und iranische Medien griffen sie auf, bald durchdrang sie das Internet. "Ich erlaube mir, den Äußerungen eines Edward Snowden einen höheren Wahrheitsgehalt zuzusprechen als sämtlichen Aussagen sämtlicher EU- und US-Regierungssprecher, Mainstream-Medien usw. zusammen", schrieb ein deutscher Blogger.

Nun gehört es zum Wesen von Verschwörungstheorien, dass eine fehlende Quelle sie nicht entkräftet. Es könnte ja trotzdem wahr sein! Doch ist die Theorie, Mossad und CIA hätten den IS erschaffen, auch plausibel?

Der IS ist hervorgegangen aus der irakischen Al-Kaida-Filiale, die ihrerseits aus dem islamistischen Widerstand gegen die US-Invasion im Irak 2003 entstanden ist. Letzterer hat der US-Armee erheblichen Schaden zugefügt, er war alles andere als ein Werkzeug der USA. Und auch in seiner heutigen Erscheinungsform ist der IS für die USA eine Bedrohung. Für Israel auf Dauer auch, und zwar je mehr die IS-Armee anschwillt und je besser ihre Ausrüstung wird.

Dass die CIA/Mossad-Theorie trotzdem verfängt, hat mehrere Gründe. Erstens klingt sie wie ein Echo auf die Unterstützung der USA für die afghanischen Mudschahedin gegen die Sowjets in den 1970er Jahren, aus der Verschwörungstheoretiker seit jeher ableiten, dass Al-Kaida von der CIA geführt werde – warum dann nicht auch der IS? Zweitens gab es in der Geschichte des Nahen Ostens tatsächlich mehr als nur eine Verschwörung unter Beteiligung westlicher und israelischer Geheimdienste. Warum also nicht heute wieder? Drittens soll der IS-Chef eine Zeit lang in US-Haft gewesen sein. Wenn das keine Gelegenheit war!

Viertens bietet die Verschwörungstheorie eine Erklärung für das scheinbar Unerklärliche, nämlich die Expansion des IS. Das hätten die alleine nie geschafft – oder?

Doch, durchaus. Der Aufstieg des IS lässt sich ohne CIA und Mossad erklären. Die Kämpfer, die aus aller Welt herbeiströmen, werden nicht von westlichen Diensten entsandt. Der Einnahme der irakischen Stadt Mossul wiederum gingen Monate der Planung voraus; die Entstehung der dazu nötigen Allianzen mit sunnitischen Stämmen und Ex-Kadern des Saddam-Regimes lässt sich gut nachzeichnen.

Anders gesagt: Nicht immer, wenn man Hufe hört, ist es gleich ein Einhorn.