Eine Studie aus Yale will einen Zusammenhang zwischen der Zukunftsorientierung in Sprache und Erfolg festgestellt haben. © michaelheld / photocase.com

Wer deutsch spricht, raucht weniger, ist seltener fettleibig und legt mehr Geld fürs Alter zurück als jemand, dessen Sprache Englisch ist. Mit dieser These provozierte der Yale-Ökonom Keith Chen 2013 die Wissenschaftsgemeinde. Chens Arbeit liegt die Annahme zugrunde, dass es sich beim Rauchen oder beim Sparen um Entscheidungen handelt, bei denen es zwischen einer kleineren Belohnung jetzt und einer größeren Belohnung in Zukunft abzuwägen gilt: Wer Geld zurücklegt, verzichtet heute auf Konsum, um morgen besser zu leben.

Hier kommt nun die Sprache ins Spiel. Chen argumentiert: Die Art, in der wir über die Zukunft sprechen, beeinflusst unser Verhalten. Der Forscher unterscheidet zwischen "zukunftslosen" Sprachen, die die Zukunft in der Gegenwartsform beschreiben können ("Morgen regnet es"), und "zukunftsbezogenen" Sprachen, die Zukünftiges hauptsächlich im Futur ausdrücken ("It will rain tomorrow", also: "Morgen wird es regnen"). Zur Gruppe der zukunftslosen Sprachen zählen Deutsch, Mandarin, Japanisch, Finnisch, zu jener der zukunftsbezogenen Sprachen Englisch, Griechisch, Französisch, Italienisch.

In zukunftslosen Sprachen erscheint die Zukunft dem Sprechenden näher als in solchen, die eine gesonderte Form dafür verlangen. Menschen, die in der Gegenwartsform über die Zukunft sprechen, fällt es laut Chen deshalb leichter, heute auf etwas zu verzichten, um morgen mehr zu haben. Die Zukunft beginnt, sprachlich gesehen, ja bereits heute. Wem das Morgen durch seine Sprache hingegen weit entfernt erscheint, der befriedigt ein Bedürfnis eher sofort, anstatt auf eine spätere größere Belohnung zu warten. Wer weiß schon, wann die kommt.

Anhand von Daten aus 76 Ländern hat der Forscher herausgefunden, dass Menschen mit einer zukunftslosen Sprache mit einer um 31 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit Geld sparen als solche mit einer zukunftsbezogenen. Bei einem Vergleich unter europäischen Staaten hatten etwa Deutsche oder Finnen beim Renteneintritt 39 Prozent mehr Vermögen angehäuft. Sie waren mit einer Wahrscheinlichkeit von 24 Prozent eher Nichtraucher, machten zu 29 Prozent eher Sport und hatten ein um 13 Prozent geringeres Risiko, fettleibig zu sein.

Chens Arbeit ist umstritten. Ein Einwand lautet, dass weniger die Sprache das Verhalten beeinflusse als vielmehr die Kultur eines Landes. Die Sprache sei da allenfalls ein Bestandteil.

Um den Einfluss dieser kulturellen Unterschiede einzugrenzen, hat der Verhaltensökonom Matthias Sutter die Geduld von Grundschülern innerhalb derselben Stadt untersucht. In Meran in Südtirol wird Deutsch und Italienisch zu beinahe gleichen Anteilen gesprochen. Die Kinder wohnen Tür an Tür, sind also ähnlichen kulturellen Einflüssen ausgesetzt, gehen aber in sprachlich getrennte Schulen. Sutter ließ 1156 Grundschulkinder wählen, ob sie lieber zwei Geschenke sofort oder jeweils drei, vier oder fünf Geschenke in vier Wochen haben wollten. In allen Schulstufen warteten deutschsprachige Kinder deutlich häufiger als die italienischsprachigen. Sutter sagt: "Sprache ist nur ein Aspekt von Kultur, aber sie kann bereits in der Kindheit Einfluss auf die Geduld haben."