Mit ein wenig Mut zur Zuspitzung könnte man behaupten: Die AfD ist die gefährlichste Partei in der Geschichte der Bundesrepublik. Natürlich nicht weil sie die gefährlichsten Thesen vertritt. Sondern weil sie als erste, sagen wir: Wut-Partei die Chance hat, zu einer stabilen Kraft zu werden. Sie könnte das Parteiengefüge und die politische Kultur verändern, man könnte auch sagen: verderben.

Gemessen daran, beschäftigen sich die etablierten Parteien und mitunter auch die Öffentlichkeit mit dem Phänomen AfD erstaunlich unkonzentriert, fast nebenbei. Als müsste man nur warten, bis sie sich selbst zerlegt. Als brauchte man ihr nur das Etikett "rechtspopulistisch" aufzukleben, um dem demokratischen Immunsystem dann den Rest zu überlassen. Aber so ist es nicht. Wer wissen will, was da auf uns zukommt, wer die Erfolgsformel der AfD verstehen will, der muss ganz hoch hinauf, dahin, wo Ressentiment zu Ideologie destilliert wird. Und ganz tief hinunter, dahin, wo Zorn und Vorurteil grassieren.

AfD-Kreisverband Osnabrück. Es wäre eine Gelegenheit für Finanzminister Wolfgang Schäuble gewesen, die AfD wieder einmal als "Schande" zu bezeichnen. Für das AfD-Milieu in der niedersächsischen Provinz war es ein Hochamt. Man hatte Akif Pirinçci geladen, einen türkischstämmigen Autor, der Deutschlands unaufhaltsamen Niedergang unter dem Einfluss von Linken, Schwulen und Einwanderern beschwört. "Sarrazin auf Speed" hat die FAZ Pirinçci genannt, und man kann nicht behaupten, der Mann hätte sich das Etikett nicht verdient. "Wir dürfen nicht rassistisch sein, und deshalb müssen wir jeden Dreck von denen übernehmen", attackiert Pirinçci den islamfreundlichen Gesinnungsdruck, den er hierzulande am Werk sieht. Immerhin hat das vermeintliche Meinungsdiktat es nicht verhindert, dass er es mit seiner Wutschrift Deutschland von Sinnen auf die Bestsellerlisten geschafft hat. Oder dass rund dreißig AfD-Mitglieder und -Sympathisanten nach Bohmte, ins Landhotel Leckermühle gekommen sind, um Pirinçci bei seiner lustvollen Hetze auf den deutschen Mainstream zu applaudieren.

"Herr Maas, der deutsche Justizminister, sagt: Man muss Leute, die in Syrien anderen die Köpfe abhacken, resozialisieren. Ich sage: Man muss ihnen an der Grenze eine Kugel zwischen die Augen schießen." Applaus im Saal. "Herr de Maizière sagt, das sind unsere Söhne, das sind unsere Moscheen! Wieso lebt dieser verrückte alte Mann nicht angeschnallt in einem Pflegeheim! Er kann nicht unterscheiden zwischen deutschen Bürgern und Unmenschen. Das ist ein dreckiges Schauspiel und die links-versifften Arschlöcher von der Presse nehmen das ernst." Er, Pirinçci, findet das "absolute Scheiße" und badet in Zustimmung. Kein Widerspruch?

Halt, doch, der Landesvorsitzende der AfD-Niedersachsen, Paul-Armin Hampel, der Pirinçci während seiner Ausführungen brav das Saalmikrofon hält, möchte einen Einwand loswerden: "Ich würde nicht gleich jedem zwischen die Augen schießen. Weitere Fragen?" Klar, wo schon einmal ein Experte da ist. "Die Sure neun", beispielsweise. "Die erlaubt es den Muslimen, Ungläubige zu töten. Die Christen sagen: Liebet eure Feinde." Diese "Kluft" macht einer Besucherin zu schaffen. Akif Pirinçci auch: "Eine Ethnie schlachtet die andere ab, und die wehrt sich nicht!" Absolute Scheiße, gewissermaßen.

Einen Abend zuvor in Hamburg geht es nicht ganz so schrill zur Sache. Der Parteichef und frisch gebackene EU-Parlamentarier Bernd Lucke hat zum Thema "Warum Europa Reformen braucht" geladen. Etwa 300 Besucher sind gekommen, um von Lucke zu hören, dass es in Brüssel wirklich so zugeht, wie man es in der AfD vermutet: "blutige Anfänger" in Schlüsselpositionen, ahnungslose Kommissare, verantwortungslose Geldverschwendung und eine "ganz große Koalition", die das alles mitträgt. "Super, was Sie gesagt haben, Danke!", fasst ein Zuhörer die Luckesche Erfahrung aus vier Wochen Europa zusammen, "denn vielen ist noch nicht klar, wie schlimm das Desaster in Brüssel wirklich ist".

Seit ihren drei Wahlerfolgen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg befindet sich die AfD im Höhenflug. Nach dem geglückten Start im Osten ist es sehr viel wahrscheinlicher geworden, dass sich die Partei behaupten kann. 2017, so lautet inzwischen eine gängige Prognose, sitzt sie im Bundestag. Eben noch sah man in der AfD eine skurrile Anti-Euro-Kohorte, deren Führungsriege mit Professoren und Bildungsbürgern bestückt ist. Doch in den jüngsten Wahlkämpfen hat die AfD gezeigt, wie mühelos sie ein populistisches Vollprogramm präsentieren kann. Plötzlich reitet die Partei auf reaktionären, nationalistischen, antiwestlichen Stimmungen. Und wird dafür in demokratische Gremien gewählt. Ihre politischen Debatten haben sich ebenso verschärft wie der interne Streit. Aber es schadet ihr nicht. Denn sie ist wirklich eine "Partei neuen Typs", wie ihre Selbstcharakterisierung lautet. Sie greift nach den linken und rechten Reizthemen, mobilisiert extreme Positionen und Stimmungen und packt doch alles in eine Hülle, der man nicht ansieht, was sich darin austobt.