Hat sich ein ökonomischer Glaubenssatz erst mal etabliert, dann ist er wie ein Flugzeugträger. Kleine Angriffe können der schwimmenden Festung nichts anhaben, und kommt doch mal ein Torpedo, dann schließt man einfach ein paar Schotten und fährt weiter. Doch irgendwann, wenn die Angriffe zunehmen und zu viele Treffer erzielt werden, dann geschieht das Unerhörte: Das mächtige Schiff sinkt.

Wenn es überhaupt so etwas wie eine Gewissheit darüber gab, wie wir in Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung unseren Wohlstand mehren können, dann diese: Wir brauchen mehr Bildung. Mehr Realschule. Mehr Gymnasium. Mehr Studium. Die Menschen würden auf diese Weise gewappnet für die globalisierte Wirtschaft, in der einfache Arbeit nicht viel wert ist. Kein Politiker, der die Forderung nach mehr Bildung und mehr Geld für Bildung ablehnte. Ein no-brainer, wie die Amerikaner sagen, "eine klare Sache". Ein Satz wie eine schwimmende Festung.

Immer weniger Schulabgänger, immer mehr Studenten – geht das gut?

Und doch: Während mehr und mehr junge Menschen die Hochschulreife erlangen und auf Unis und Fachhochschulen gehen, mehren sich die Angriffe: Studien und Erhebungen, die das Flaggschiff der Wirtschaftspolitik ins Wanken bringen.

Ende August wendete sich der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) gegen die übertriebene Akademisierung. Immer weniger Schulabgänger, immer mehr Studenten – das könne nicht gut gehen, erklärte der Vizechef Achim Dercks. Die Betriebe suchten verzweifelt gute Bewerber für Lehrstellen, doch 2013 hätten bei schrumpfenden Jahrgängen über eine halbe Million junge Menschen ein Studium begonnen, ein Drittel mehr als zehn Jahre zuvor: "Dass ein Akademiker automatisch mehr verdient als jemand mit dualer Ausbildung, stimmt so nicht, ist aber in den Köpfen drin."

Ähnliche Fragezeichen setzt eine – schon drei Jahre alte – Studie des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft. Demnach findet gut jeder vierte Bachelor mit Uni-Abschluss nur eine Stelle, für die er überqualifiziert ist. Und im Schnitt verdienen die Einsteiger von der Uni lediglich 28.700 Euro im Jahr, gut 5.000 Euro weniger als die Bachelor von den Fachhochschulen.

Vor zwei Wochen erst erschien der neueste "Ausländerbericht" der Bundesregierung, der die Lage der Menschen mit Migrationshintergrund beleuchtet. Die Botschaft: Obwohl die Kinder der Einwanderer bei der Bildung zulegen, obwohl also der Anteil ohne Hauptschulabschluss von über 15 Prozent im Jahr 2008 auf unter 12 Prozent sank und der Anteil mit Abitur spiegelbildlich stieg, blieb der Erfolg am Arbeitsmarkt gering. Fast ein Drittel hat keinen Berufsabschluss, das Armutsrisiko ist enorm, und die Arbeitslosenrate beträgt fast 15 Prozent.

Doch das Flaggschiff "Mehr Bildung ist besser" schwimmt fast ungerührt weiter. Migranten sind eben ein Sonderfall, der Bachelorabschluss entwickelt sich noch, und der DIHK hat natürlich die ausbildenden Betriebe im Blick. Oder?

So einfach ist es nicht, gerade wenn man über die deutschen Grenzen hinausblickt. Das sagt die Münchner Ökonomieprofessorin Dalia Marin, eine Globalisierungsforscherin mit engen Verbindungen zu Kollegen in aller Welt. Die Warnung vor "übertriebener Akademisierung" ist für sie plausibel. "Bildung ist jetzt nicht die einfache Absicherung dafür, dass ich morgen einen Job haben werde", sagt sie.