Es gibt Ereignisse, die sind so gewaltig, dass die Metaphern vor ihnen davonlaufen. Der Mauerfall ist so ein Ereignis, und die Berliner haben es am vergangenen Wochenende ausgelassen gefeiert. Der Westen, so hörte man, hat den Drachen des Kommunismus besiegt, nur eine kleine Drachenbrut blieb übrig, die Partei Die Linke. Der Sänger Wolf Biermann hat das gesagt, der alte Drachentöter.

Nicht allen gefiel der selbstzufriedene Blick zurück. Sie wollen nicht glauben, dass mit der kommunistischen Diktatur alle Drachen aus der Geschichte verschwunden sind. In den blühenden Landschaften der Freiheit, sagen sie, gebe es längst einen neuen.

Unweit des Kanzleramtes, nur einen Steinwurf entfernt, liegt das "Haus der Kulturen der Welt". Es wird an diesem Abend von Besuchern geradezu überrannt; weit über tausend Menschen wollen den französischen Ökonomen Thomas Piketty hören, denn auch er gilt als Drachentöter. Das Ungeheuer, das er jagt, ist aber nicht der Kommunismus; es ist Das Kapital im 21. Jahrhundert. So jedenfalls heißt sein Buch, ein 800-seitiger Angriff auf das ökonomische Establishment, und nun begrüßen einige in Thomas Piketty bereits den neuen Karl Marx. Die Blätter für deutsche und internationale Politik haben den Star eingeladen, ausgerechnet zum Tag des Mauerfalls, an dem auch der Sieg des kapitalistischen Westens über das kommunistische Freiluftgefängnis im Osten gefeiert wird.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Ausgabe 47 vom 13.11.2014.

Piketty ist ein höflicher Mensch und sagt, dass er sich freue, bei den Feierlichkeiten zum 9. November dabei sein zu dürfen. Was er dann sagt, hört man in Berlin an diesem Tag eher nicht so oft. Nach dem Fall der Mauer seien die Märkte entfesselt worden und hätten die Oberhand bekommen über die Politik. Spätestens im Jahre 2008, nach dem Bankencrash, hätte man die "Übermacht" des Finanzkapitalismus infrage stellen müssen, doch kaum etwas sei geschehen. Stattdessen seien die demokratischen Kontrollinstanzen weiter geschwächt, die "Marktkräfte verherrlicht" und ihr Treiben sei als Gottesurteil hingenommen worden. Piketty spricht von einer "massiven sozialen Ungleichheit", und die sei eine Gefahr für die Demokratie. "Wirtschaftsfragen sind viel zu wichtig, als dass man sie den Ökonomen und Politikern überlassen darf." Dass die Globalisierung eine Regulierung der Märkte verhindert, hält Piketty für ein Märchen. Beim ersten Golfkrieg habe der Westen mit einer Million Soldaten die Ölquellen gesichert. Ein Bruchteil dieser politischen Energie reiche aus, um den Finanzmarktkapitalismus zu domestizieren.

Wer eine härtere Dosis Kapitalismuskritik will, der muss ins Theater gehen

Piketty will den kapitalistischen Drachen nicht zur Strecke bringen, er will ihn steuerpolitisch zähmen – er will mehr Regulierung, mehr Transparenz und demokratische Kontrolle. Der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl, der mit ihm diskutierte, nannte dies ein "ehrliches Programm". Piketty wolle den Markt wieder in Schwung bringen und betrachte Ungleichheit lediglich als Gefahr für die makroökonomische Stabilität. Auch das Kapital, so Vogl, fürchte schließlich nichts mehr als den Fall der Profitrate und den Aufruhr der Massen: "Die Logik des Finanzkapitalismus mit all seinen politischen Verstrickungen kommt bei Piketty kaum vor." Der Moderator Mathias Greffrath widersprach und nannte Piketty einen "Revolutionär auf Katzenpfoten". Im Heiligen Gral der Wirtschaftswissenschaft klingt das vermutlich wie der Fiebertraum eines gefährlichen Ketzers.

Es gab viel Applaus für Piketty, und doch lichteten sich die Reihen vorzeitig. Vielleicht hatten einige kämpferische Töne erwartet, schließlich war am Vortag Jean-Claude Junckers Steuervermeidungsparadies aufgeflogen, die Wohlfühloase für Europas Geldelite, die ihre Schäfchen stets rechtzeitig ins Trockene bringt, während die politische Klasse über leere Kassen jammert und kein Geld für Schulen hat.