Das Team von Cucula © Verena Brüning/Cucula

Die Messe erreichen sie kurz vor Ende der Aufbauzeit, fahren mit den Transportern bis zur Ausladerampe. Malik, Saidou, Maiga, Moussa und Ali springen heraus, alle fünf tragen Anzug. Während sie die Möbel in die Halle schleppen, brüllen sie: "Cu-cu-la, Cu-cu-la!" Es hört sich an wie der etwas irre Gesang euphorisierter Fußballfans.

Was machen fünf in Deutschland gestrandete Flüchtlinge auf der Mailänder Möbelmesse Ventura Lambrate zwischen italienischen Produktdesignern?

Auch diese Flüchtlingsgeschichte erzählt von einem kaputten Afrika, einem überforderten Europa, einem grausam bürokratischen Deutschland. Doch sie nimmt eine erstaunliche Wendung. Sie wird zu einer Unternehmensgeschichte. Der Geschichte von Cucula, einer "Refugees Company for Crafts and Design", wie es auf der Homepage heißt. Eines Flüchtlingsunternehmens also, das Designermöbel herstellt. Cucula ist der Versuch, die hoffnungslose Realität der Flüchtlinge zu ignorieren, sie gewissermaßen auszutricksen.

"Wir machen etwas, was so tut, als ob es schon real wäre", sagt Barbara Meyer, die das Projekt initiiert hat. Das Problem: Keiner der Flüchtlinge hat eine Arbeitserlaubnis. Alle sind von der Abschiebung bedroht. Die Strategie: Fakten schaffen. Eine Homepage. Ein Atelier. Verträge. Ein Produkt. Kunden. Investoren. Messestände. Die Hoffnung: Je realer die Utopie erscheint, desto schwieriger wird es, sie zu zerstören. Wer will schon die Mitarbeiter eines erfolgreichen Unternehmens abschieben?

Es geht um das Schicksal von fünf Menschen. Aber auch um die Frage, ob es möglich ist, dass inmitten einer organisierten Verantwortungslosigkeit etwas Gutes entstehen kann, etwas, was vielleicht sogar Gewinn abwirft. Darum, ob eine wirtschaftliche Utopie die Kraft hat, die politische Realität zu verändern. Oder ob sie früher oder später an ihr zerschellt.

Cucula, das ist ein Atelier in einem Treptower Hinterhof. Morgens um 8.30 Uhr treffen sich Malik, Saidou, Maiga, Moussa und Ali zum Frühstück. Dann geht es los: Kreissägen kreischen, Schleifmaschinen surren, durch den Raum fliegen Fetzen von Deutsch, Italienisch, Französisch, Englisch, Arabisch, Hausa und Bambara. Eine Sprache, die alle sprechen, gibt es nicht. Viele lernen gerade lesen und schreiben. Die Cucula-Flüchtlinge sind keine syrischen Kinderärzte oder indischen Programmierer. Ökonomisch gesehen, sind sie nicht das Humankapital, das sich europäische Politiker wünschen.

Mit einer Kneifzange zieht Malik drei rostige Nägel aus einer Holzplanke, 44 Zentimeter lang, sieben Zentimeter breit, die grüne Farbe an einigen Stellen abgeblättert. "Hartes Holz", sagt Malik, gerade 21 geworden, kaum größer als 1,60 Meter und so schmal, dass man ihn von hinten noch für ein Kind halten könnte. "Vielleicht von einem Olivenbaum." Dann wickelt er die rostigen Nägel in ein Stückchen Klebeband, knotet eine Schlaufe hinein und hängt das Knäuel an einen Haken über seinem Schreibtisch.

Die rostigen Nägel bleiben, was sie sind: eine schmerzhafte Erinnerung. Das Holz aber, das Hunderte von Flüchtlingen wie ihn nach Europa gebracht hat, zusammengenagelt zu wackligen Booten, wird nun zu einem Stuhlbein. Das ist die Idee, Maliks Idee, die nun ein Geschäftsmodell ist: Aus den Überresten eines Wracks von Lampedusa soll ein Produkt entstehen, das sich verkaufen lässt, auf dem man sitzen kann, das eine Geschichte erzählt.

Es ist auch Maliks Geschichte: Malik stammt aus der Nähe von Agadez im Norden von Niger. 2007, er ist damals 14, kommt es zu einem blutigen Aufstand der Tuareg gegen die Regierung. Zusammen mit seinem fünf Jahre älteren Bruder flieht er nach Libyen. Sein Bruder findet dort Arbeit als Kfz-Mechaniker. Dann aber bricht 2011 der Bürgerkrieg aus. Rebellen kämpfen gegen die Truppen von Staatsoberhaupt Muammar al-Gaddafi. Die Nato unterstützt sie mit Luftangriffen. Gaddafis Rache: Er treibt die Flüchtlinge nach Europa. Erst habe die Polizei seinen Bruder mitgenommen, sagt Malik. Dann hätten Männer ohne Uniform auch ihn auf der Straße aufgegriffen und im Hafen von Tripolis in ein Boot verfrachtet, zusammen mit 300 oder 400 anderen Flüchtlingen. Malik sitzt unter Deck, wo es kaum Luft gibt und ein Freund von ihm noch während der Überfahrt erstickt.

Er landet in Berlin. Auf dem Oranienplatz haben mehr als hundert Flüchtlinge ein Protest-Camp errichtet, aus Zelten, Bretterbuden, einem Bauwagen. "Kein Mensch ist illegal" steht auf einem Banner. Dass Flüchtlinge sich mehr als ein Jahr lang dem deutschen Asylsystem widersetzen, hat es bis dahin noch nicht gegeben. Sie kämpfen nicht nur für ihr Recht, zu bleiben, sondern auch für das, zu arbeiten.