DIE ZEIT: Mister Sutherland, Sie sind mit einer Liebesszene weltberühmt geworden. Einer der schönsten der Filmgeschichte.

Donald Sutherland: Es ist nun 40 Jahre her, dass Wenn die Gondeln Trauer tragen gedreht wurde, und bis heute muss ich Menschen enttäuschen, die mich auf das Gerücht ansprechen, Julie Christie und ich hätten vor der Kamera wirklich miteinander geschlafen.

ZEIT: Das haben Sie gar nicht?

Sutherland: Wir sehen einen Moment der Intimität zwischen zwei Menschen, die gerade ein Kind verloren haben. Die eigentliche Vertrautheit der Szene entstand allein durch die Art, wie Nicolas Roeg, der Regisseur, sie montiert hat. Letztlich gibt es nur 20 Sekunden Sex. Man sieht das Davor, das Währenddessen und das Danach. Das Sichanziehen, In-den-Spiegel-Schauen, die Gesten, Handgriffe vor dem Ausgehen zum Abendessen. Wenn Sie diese Szene auf der Leinwand sehen, dann hat das nichts Obszönes. Sie denken an den Sex, den Sie mit dem Menschen haben, den Sie lieben.

ZEIT: Ist das Drehen einer solchen Szene auch befremdlich?

Sutherland: Julie Christie und ich kannten uns kaum zwei Tage, wir waren nackt und fühlten uns, als ob eine Operation vor uns läge. Wir waren alleine im Raum, mit Nicolas Roeg und dem Kameramann Anthony B. Richmond. Überall lagen Kabel herum, und gedreht wurde mit einer Aeroflex, einer kleinen deutschen Kamera, die sich ohne Gehäuse anhört wie ein Panzer. Nick sagte: "Okay, Julie, heb dein Kinn." (er macht das Geräusch der Kamera nach) Wrrrrroooooarrr. "Donald, küsse bitte Julies Brust!" Wrrrrroaaaarrrr. "Julie, wirf deinen Kopf zurück." Wrrrroaaar. "Okay, Julie, jetzt komm bitte." Wrrrroaaaaaaaaaaaaaaah.

ZEIT: Eine andere große, allerdings traurige Liebesszene spielten Sie 1971 in Alan J. Pakulas Film Klute mit Jane Fonda, mit der Sie damals zusammen waren. Ein Detektiv und eine einsame Prostituierte. Zwei Körper, die ihre Einsamkeit teilen.

Sutherland: Nach dem Sex behauptet Janes Prostituierte, sie sei nicht gekommen. Sie komme sowieso nie im Bett mit Männern. Es erstaunt mich immer wieder, wie Jane und ich diese Vision einer existenziellen Verlorenheit auf die Leinwand bringen konnten. Wir kannten uns noch nicht lange, waren sehr verliebt und verrückt nacheinander. Ich habe Pakula und Jane immer wieder genervt, weil ich fragte, ob die Hauptfiguren nach dem Abspann zusammenbleiben. Ich wollte, dass es gut ausgeht. Den beiden war aber klar, dass es schlecht ausgeht.

ZEIT: Jane Fonda und Sie tourten von einem amerikanischen Armeestützpunkt zum anderen. Mit einer Revue gegen den Vietnamkrieg wollten Sie GIs zum Desertieren bewegen. Wurden Sie aus Liebe zum Aktivisten?

Sutherland: Vielleicht. Aber ich war auch überzeugt von dem, was wir taten. Mehr als 60.000 GIs von den Philippinen bis zu den westpazifischen Inseln haben unsere Antikriegsrevue gesehen. Sie war unglaublich komisch, sarkastisch, ironisch, unterhaltsam. Eine kulturelle Attacke gegen diese Invasion in Vietnam. Jane und ich waren leidenschaftlich überzeugt, dass man etwas gegen diesen Krieg unternehmen müsse. Jane Fonda war und ist eine wunderbare, mutige Frau, die nichts mit dem Bild der verhärteten Dogmatikerin zu tun hat, das die amerikanische Rechte bis heute von ihr zu zeichnen versucht.

ZEIT: Damals waren Sie noch mit Ihrer zweiten Frau Shirley Douglas verheiratet, die verhaftet wurde, weil sie Geld sammelte, um Handgranaten für die Black Panthers zu kaufen. Liebe, Politik, Kino, war das alles dasselbe?

Sutherland: Ich habe keinen Film nur wegen seiner politischen Botschaft gedreht. Aber es hat mir sehr entsprochen, wie Robert Altman in MASH den Wahnsinn des Koreakrieges zeigte, der sich ja nicht vom Wahnsinn des Vietnamkrieges unterschied. Altman zeigte, dass der verrückte Chirurg Hawkeye Pierce, den ich spielte, dem Krieg seine eigene Art der Durchgeknalltheit entgegensetzte: Sex, Alkohol, das Blutbad der Operationen, wieder Alkohol. Ein Film wie MASH hat junge Menschen politisiert. Und ich glaube, dass auch ein Film wie Die Tribute von Panem – Mockingjay dazu imstande ist. Mit Jennifer Lawrence beginnt die Revolution!

ZEIT: Aber der Film ist sehr konventionell gemacht. Der Krieg wird auf ziemlich banale Weise legitimiert, man braucht halt nur die "richtige" charismatische Anführerin. Es gibt die Faszination der schweren Militärmaschinen, die Erotik der Waffen.

Sutherland: Krieg ist nicht gleich Krieg. Und die Frage ist, welche Art von Krieg im Film legitimiert wird. Eine Invasion wie die der Vereinigten Staaten in Vietnam oder im Irak ist etwas anderes als der Aufstand gegen eine brutale Machtelite. Von der CIA betriebene Militärputsche wie in Nicaragua oder 1953 gegen den legitimen Premierminister Mossadegh im Iran sind offensive Aggressionen, also etwas anderes als ein Selbstverteidigungskrieg – oder eine Revolution, wie sie in Mockingjay geschildert wird.

ZEIT: Der Film erzählt den Aufstand der unterdrückten Massen gegen die konsumverliebte Oberschicht mit einem klassischen Gut-gegen-Böse-Plot.

Sutherland: Unterschätzen Sie nicht die Langzeitwirkung solcher Filme, die sich ins kollektive Bewusstsein einprägen. Die Autorin Suzanne Collins hat mit der Tribute von Panem-Trilogie eine Allegorie der Vereinigten Staaten geschrieben. Eine Allegorie der amerikanischen Oligarchie. Die Klasse, zu der meine Figur des Präsidenten Snow gehört, ist nicht anders als die jener amerikanischen Milliardäre, die Wahlen kaufen und Konzerne beherrschen. Wissen Sie, dass Krebsmedikamente in den USA 80 Prozent teurer sind als hier in Deutschland, in Kanada oder in Frankreich? Weil der Kongress der staatlichen Krankenversicherung Medicare untersagt, mit den Pharmakonzernen geringere Preise auszuhandeln. Collins’ Bücher, die ich las, als die Occupy-Wall-Street-Bewegung gerade entstand, waren für mich nach Jahren ein Versuch, das empörende Sozialgefälle in den USA und die Verarmung ganzer Bevölkerungsschichten in eine populärkulturelle Erzählung zu überführen. Vielleicht gibt es irgendwann doch noch den Aufstand gegen das Bündnis von Kapital, Gier und Politik.