Noch im Frühherbst 1989 hätte es kaum jemand für möglich gehalten, dass binnen weniger Wochen die Mauer fällt. Denkbar aber war es – spätestens seit der ungarische Außenminister Gyula Horn und sein österreichischer Amtskollege Alois Mock am 27. Juni des Jahres in einem symbolischen Akt den Grenzzaun zwischen ihren Ländern mit Bolzenschneidern durchtrennten.

In den vergangenen Tagen versuchten erneut Menschen, einen eisernen Vorhang zu öffnen. Rund 100 Aktivisten fuhren mit dem Künstlerkollektiv "Zentrum für politische Schönheit" (www.politicalbeauty.de) an die bulgarisch-türkische Grenze, um die dortigen Sperranlagen "abzubauen". Sicherheitskräfte verhinderten die Politkunst-Performance; die "Revolutionäre", wie sie sich vielleicht ein wenig zu großspurig nannten, sangen im Wald Lieder und hielten eine Gedenkminute ab. Dem Stacheldraht durften sie sich nur bis auf 150 Meter nähern. Insofern ist der "Erste Europäische Mauerfall" gescheitert.

Gelungen ist die Aktion dennoch. Denn sie hat auch ohne das erhoffte Symbolbild vom Bolzenschneider, der den Stacheldraht kappt, etwas denkbar gemacht: dass die menschenverachtenden Bauwerke in der spanischen Enklave Melilla, an der bulgarisch-türkischen Grenze und in Griechenland eines Tages abgebaut werden – diese monströsen Anlagen, die niemanden davon abhalten, sich auf den Weg nach Europa zu machen, aber immer mehr Flüchtlinge in unsicheren, überladenen Booten aufs Mittelmeer treiben.

Das "Zentrum für politische Schönheit" hat damit eine Frage aufgeworfen, die gleichsam hinter dem einzureißenden Zaun liegt: die Frage, wie eine mit Menschenrechtskonventionen vereinbare Flüchtlingspolitik aussehen kann, die nicht in Kauf nimmt, dass fast jedes Jahr mehr Menschen an den EU-Außengrenzen sterben als an der innerdeutschen Grenze im gesamten Zeitraum von 1961 bis 1989. Ein unlauterer Vergleich? Nein. Denn er verkleinert nicht den Schrecken des DDR-Grenzregimes, sondern zeigt, wie groß die Schande unserer Gegenwart ist.

Umso bedauerlicher, dass die Debatte in den vergangenen Tagen fast ausschließlich um deutsche Gedenkbefindlichkeiten kreiste: um die Frage, ob es pietätlos war, dass das "Zentrum" die weißen Kreuze für die Mauertoten aus dem Regierungsviertel entführt, sie an die EU-Außengrenze gebracht und so die Selbstfeier am 9. November gestört hat. Besonders einige ehemalige DDR-Bürgerrechtler echauffierten sich in schrillen Tönen. Das mag vor dem Hintergrund ihrer Biografien verständlich sein. Die Geschichte aber gehört nicht nur jenen, die sie erlebt, durchlitten und gemacht haben, und es ist unmöglich, ja undenkbar, sie von den Zumutungen der Gegenwart abzuschirmen, wenn sie lebendig bleiben soll. Auch diese schlichte Tatsache hat uns die wohl wichtigste und unbequemste Gedenkaktion des Jahres noch einmal in aller Deutlichkeit vor Augen geführt.