Den USA droht eine neue Ölkrise. Anders als in den siebziger Jahren sind es heute zu niedrige Preise, die der Wirtschaft schaden könnten. Das gilt besonders für jene Firmen, die mittels des sogenannten Frackings Öl aus Gesteinsschichten tief unter der Erdoberfläche gewinnen – und es gilt auch für die Wall-Street-Banken, die diesen Unternehmen Geld geliehen haben.

Beim Fracking, einer bei Umweltschützern umstrittenen Fördermethode, wird Öl mithilfe von Wasser, Sand und Chemikalien unter Hochdruck aus der Tiefe gepresst. Das ist aufwendiger und teurer als die konventionelle Förderung. Seit Ende Juni ist der Ölpreis um 25 Prozent gefallen. Fällt er weiter, rechnet sich das Fracking nicht mehr. Das könnte die Erschließung weiterer Vorkommen bremsen und die Produktion rasch sinken lassen. Die US-Wirtschaft würde das schwer belasten: Der heimische Energieboom war einer der wichtigsten Treiber ihrer Erholung im Zuge der jüngsten Finanzkrise.

Analysten und Marktteilnehmer hat der drastische und rasche Rückgang des Ölpreises überrascht. Ein Hauptgrund für die Entwicklung ist billiges Öl aus Saudi-Arabien. Der größte Erdölexporteur der Welt hat seine Preise exklusiv für Lieferungen in die USA reduziert, um der neuen US-Konkurrenz zu begegnen. "Wir kämpfen mit Saudi-Arabien um Marktanteile", warnte erst vergangene Woche Scott Sheffield, der Vorstandschef von Pioneer Natural Ressources – eines der aktivsten Unternehmen auf den Ölfeldern von Texas.

Lesen Sie dazu auch "Die schwarze Macht" in der ZEIT Ausgabe 47 vom 13.11.2014.

Die Ölproduktion in den USA ist in den vergangenen sechs Jahren um 70 Prozent auf fast neun Millionen Barrel pro Tag gestiegen. Gleichzeitig haben sich Importe aus den zwölf Mitgliedsländern des Ölkartells Opec – zu dem auch Saudi-Arabien gehört – nahezu halbiert. Fracking hat zudem die Erdgasförderung gesteigert. Das große Angebot hat auch auf diesem Markt zu historisch niedrigen Preisen geführt. Stromerzeuger und auch Teile der Schwerindustrie profitieren von der billigen Energie. Während in Europa die Wirtschaft stagniert und auch Chinas Wirtschaft so langsam wächst wie seit fünf Jahren nicht mehr, legte die US-Wirtschaftsleistung dank Fracking und stagnierender Löhne im dritten Quartal um 3,5 Prozent zu. Auch die Verbraucher profitieren kurzfristig von den niedrigen Energiepreisen. Benzin kostete 2008 rund einen Dollar pro Liter, derzeit liegt der Preis an den Zapfhähnen bei 80 Cent. Damit verfügen die Amerikaner über mehr Budget für andere Ausgaben – etwa im Weihnachtsgeschäft.

Doch langfristig trifft der drohende Preiskrieg mit den Saudis die US-Wirtschaft an einer empfindlichen Stelle. Viele kleine und unabhängige Unternehmen haben das Wachstum der vergangenen Jahre mit großzügiger Hilfe der Wall Street gestemmt. Die Finanzbranche und Investoren auf der Suche nach mehr Rendite förderten den Fracking-Boom mithilfe sogenannter Junk-Bonds – "Müll-Anleihen" von Unternehmen mit hoher Verzinsung und hohem Ausfallrisiko. Als die Rating-Agentur Standard & Poor’s kürzlich die Kreditwürdigkeit von 95 Anleihen bewertete, die Energie-Produktionsfirmen ausgegeben hatten, erhielten 75 davon Junk-Status. Dank der billigen Kredite konnten viele Ölunternehmen in jüngster Vergangenheit auch mehr Geld ausgeben, als sie eingenommen haben: Bei 37 Ölunternehmen, deren Anleihen als sehr riskant gelten, waren es 2013 den Barclay-Analysten zufolge für jeden verdienten Dollar Ausgaben in Höhe von 2,11 Dollar.