Hier soll gefrackt werden: Ölfeld in Kalifornien im vergangenen März © David McNew/Getty Images

Den USA droht eine neue Ölkrise. Anders als in den siebziger Jahren sind es heute zu niedrige Preise, die der Wirtschaft schaden könnten. Das gilt besonders für jene Firmen, die mittels des sogenannten Frackings Öl aus Gesteinsschichten tief unter der Erdoberfläche gewinnen – und es gilt auch für die Wall-Street-Banken, die diesen Unternehmen Geld geliehen haben.

Beim Fracking, einer bei Umweltschützern umstrittenen Fördermethode, wird Öl mithilfe von Wasser, Sand und Chemikalien unter Hochdruck aus der Tiefe gepresst. Das ist aufwendiger und teurer als die konventionelle Förderung. Seit Ende Juni ist der Ölpreis um 25 Prozent gefallen. Fällt er weiter, rechnet sich das Fracking nicht mehr. Das könnte die Erschließung weiterer Vorkommen bremsen und die Produktion rasch sinken lassen. Die US-Wirtschaft würde das schwer belasten: Der heimische Energieboom war einer der wichtigsten Treiber ihrer Erholung im Zuge der jüngsten Finanzkrise.

Analysten und Marktteilnehmer hat der drastische und rasche Rückgang des Ölpreises überrascht. Ein Hauptgrund für die Entwicklung ist billiges Öl aus Saudi-Arabien. Der größte Erdölexporteur der Welt hat seine Preise exklusiv für Lieferungen in die USA reduziert, um der neuen US-Konkurrenz zu begegnen. "Wir kämpfen mit Saudi-Arabien um Marktanteile", warnte erst vergangene Woche Scott Sheffield, der Vorstandschef von Pioneer Natural Ressources – eines der aktivsten Unternehmen auf den Ölfeldern von Texas.

Lesen Sie dazu auch "Die schwarze Macht" in der ZEIT Ausgabe 47 vom 13.11.2014.

Die Ölproduktion in den USA ist in den vergangenen sechs Jahren um 70 Prozent auf fast neun Millionen Barrel pro Tag gestiegen. Gleichzeitig haben sich Importe aus den zwölf Mitgliedsländern des Ölkartells Opec – zu dem auch Saudi-Arabien gehört – nahezu halbiert. Fracking hat zudem die Erdgasförderung gesteigert. Das große Angebot hat auch auf diesem Markt zu historisch niedrigen Preisen geführt. Stromerzeuger und auch Teile der Schwerindustrie profitieren von der billigen Energie. Während in Europa die Wirtschaft stagniert und auch Chinas Wirtschaft so langsam wächst wie seit fünf Jahren nicht mehr, legte die US-Wirtschaftsleistung dank Fracking und stagnierender Löhne im dritten Quartal um 3,5 Prozent zu. Auch die Verbraucher profitieren kurzfristig von den niedrigen Energiepreisen. Benzin kostete 2008 rund einen Dollar pro Liter, derzeit liegt der Preis an den Zapfhähnen bei 80 Cent. Damit verfügen die Amerikaner über mehr Budget für andere Ausgaben – etwa im Weihnachtsgeschäft.

Doch langfristig trifft der drohende Preiskrieg mit den Saudis die US-Wirtschaft an einer empfindlichen Stelle. Viele kleine und unabhängige Unternehmen haben das Wachstum der vergangenen Jahre mit großzügiger Hilfe der Wall Street gestemmt. Die Finanzbranche und Investoren auf der Suche nach mehr Rendite förderten den Fracking-Boom mithilfe sogenannter Junk-Bonds – "Müll-Anleihen" von Unternehmen mit hoher Verzinsung und hohem Ausfallrisiko. Als die Rating-Agentur Standard & Poor’s kürzlich die Kreditwürdigkeit von 95 Anleihen bewertete, die Energie-Produktionsfirmen ausgegeben hatten, erhielten 75 davon Junk-Status. Dank der billigen Kredite konnten viele Ölunternehmen in jüngster Vergangenheit auch mehr Geld ausgeben, als sie eingenommen haben: Bei 37 Ölunternehmen, deren Anleihen als sehr riskant gelten, waren es 2013 den Barclay-Analysten zufolge für jeden verdienten Dollar Ausgaben in Höhe von 2,11 Dollar.

Wie lange halten die Ölproduzenten durch?

Auch dieses Jahr werden Barclays zufolge rund 156 Milliarden Dollar in die Erschließung und Produktion von Vorkommen in den USA fließen. Doch nun drohen den Firmen Probleme: Die US-Notenbank wird die Zinsen erhöhen. Es wird schwieriger werden, günstige Kredite zu bekommen. Gleichzeitig sinken die Erlöse der Branche, weil der Ölpreis fällt. Und die schon existierende Schuldenlast wird im Verhältnis zu den Einnahmen steigen. Verschärft wird die Lage noch durch eine Besonderheit beim Fracking. Anders als bei konventionellen Ölquellen geht die Produktion schon nach einem Jahr oft um bis zu 50 Prozent zurück. Das zwingt die Unternehmen, laufend neue Quellen zu erschließen, um das Produktionsvolumen aufrechtzuerhalten, wozu sie Geld brauchen, das sie investieren können. Das stellt besonders kleinere Produzenten vor Probleme.

Goodrich Petroleum etwa meldete kürzlich zwar, neue potenzielle Vorkommen entdeckt zu haben. Doch der Wert des Unternehmens hat seit März trotzdem stark verloren. Diese Entwicklung trifft auch die Großen der Branche: ConocoPhillips etwa kündigte an, Investitionen in die Neuerschließung zurückzufahren. Und Continental Resources, der größte Ölproduzent in North Dakota, verzichtet vorerst auf neue Bohrtürme. Die ganze amerikanische Produktion droht nun geringer auszufallen. So schnell der US-Ölboom gekommen ist, so schnell könnte er wieder verschwinden.

Wie lange die Ölproduzenten durchhalten, hängt davon ab, ob sie beim aktuellen Preisniveau wenigstens ihre Kosten einspielen. Deren Höhe variiert von Firma zu Firma, von Bohrloch zu Bohrloch. Sie hängt davon ab, wie effizient Ausrüstung und Mitarbeiter arbeiten, aber auch davon, ob sich das Bohrloch in einem Gebiet mit einem großem Vorkommen befindet oder eher am Rand der Öl führenden Gesteinsformation.

Viele Förderfirmen haben dank besserer Technik große Fortschritte gemacht. Noch vor fünf Jahren dauerte es bis zu zwei Wochen, um mit dem Fracking beginnen zu können. Heute reichen meist fünf Tage Vorlaufzeit. Vor fünf Jahren war deshalb ein Ölpreis von über 90 Dollar pro Barrel notwendig, um die Kosten zu decken. Heute reicht ein Preis von 60 bis 80 Dollar.

Wie der Preiskrieg zwischen den USA und Saudi-Arabien weitergeht, wird sich am 27. November bei der nächsten Opec-Sitzung entscheiden. Dann muss Saudi-Arabien Verbündete finden. Für viele der Mitgliedsländer ist der Preisverfall ihres wichtigsten Exportgutes schwer zu verkraften. Marktbeobachter gehen davon aus, dass Länder wie der Irak und der Iran mehr fördern und verkaufen werden, um die tieferen Preise wettzumachen. Sie dürften auf eine Drosselung der Produktion drängen, um die Preise zumindest zu stabilisieren. Auch Venezuela leidet unter den niedrigen Preisen. Das Land steckt in einer schweren Wirtschaftskrise, fallende Exporterlöse könnten das Land in die Pleite treiben. Die US-Wirtschaft mag vor der Macht des Kartells zittern. Doch der Fracking-Boom hat offenbar auch das Kartell erschüttert.