Er brachte das Verbrechen von Auschwitz fast im Alleingang vor Gericht. Zu sagen, Fritz Bauer sei der bisher bedeutendste Generalstaatsanwalt der Bundesrepublik gewesen, würde nur einen vagen Eindruck von seiner Größe vermitteln. Trotzdem oder gerade deshalb sorgt Bauer immer noch für Irritation. Er wird, spätestens seit dem 50. Jahrestag der Auschwitz-Prozesse im vergangenen Jahr, von vielen Seiten gelobt, gewiss. Gerade, am 15. Oktober, hat ihn der Bundesjustizminister durch die Stiftung eines nach ihm benannten Studienpreises gewürdigt, der Spielfilm Im Labyrinth des Schweigens ehrt sein Wirken zurzeit im Kino. Aber gelegentlich mischt sich unter das allgemeine Lob eine kleinliche Lust, dem Mann etwas anzuhängen.

Das ärgerlichste Beispiel ist die Bauer-Biografie von Ronen Steinke, einem Journalisten der Süddeutschen Zeitung. Pünktlich zum Jahrestag der Auschwitz-Prozesse im Dezember 2013 erschienen, liefert sie geradezu ein Zerrbild von Fritz Bauer. Steinke unterstellt ihm in mehrfacher Hinsicht zu Unrecht, opportunistisch gehandelt zu haben. Der Frankfurter Staatsanwalt habe sein Judentum verleugnet, um in der Bundesrepublik als Deutscher anerkannt zu werden, behauptet Steinke. Tatsache ist: Bauer wurde am 16. Juli 1903 zwar als Sohn jüdischer Eltern geboren, aber er war bekennender Atheist, was sich schon in seiner Jugend abzeichnete, und er hat in der Bundesrepublik 1961 die Humanistische Union mitbegründet, die eine strikte Trennung von Staat und Religion forderte. Bauer selbst hat auf die Frage, ob er Jude sei, geantwortet: "Im Sinne der Nürnberger Gesetze: Ja!" Dass er verfügte, nach seinem Tod eingeäschert zu werden – eine im Judentum verbotene Bestattungsweise, wie Steinke selbst feststellt –, spricht nicht minder stark gegen den Vorwurf, sein Atheismus sei nur Fassade gewesen. Wenn Bauer aber gleichwohl als "Jude" kategorisiert wird, bedeutet dies nichts anders als eine Tradierung des Rassenwahns der Nazis.

Des Weiteren präsentiert Steinke einen Zeitungsartikel vom November 1933 über eine angebliche Episode aus Bauers achtmonatiger Haftzeit im Konzentrationslager Heuberg. Gleich nach der Machtübernahme hatte man Bauer als wohl jüngsten Amtsrichter des Reichs aus dem Justizdienst entlassen und als sozialdemokratischen Regimegegner verhaftet. Im KZ, berichtet der Artikel, habe er mit sieben weiteren Sozialdemokraten in einem Schreiben an den württembergischen Reichsstatthalter Wilhelm Murr ein "Treuebekenntnis" zum "Führer" abgegeben. Das Originaldokument liegt nicht vor, und es gibt Anhaltspunkte, dass diese Unterwerfungserklärung von dem für seine Propaganda-Aktionen bekannten Murr gefälscht worden sein könnte.

Schließlich schürt Steinke ohne stichhaltige Beweise die Mutmaßung, Bauer sei schwul gewesen, habe aber seine Sexualität nicht ausgelebt, weil das wegen der damals noch bestehenden Strafbarkeit homosexueller Handlungen mit der Tätigkeit eines obersten Strafverfolgers unvereinbar gewesen wäre. Doch was, fragt man sich, tut das zur Sache?

Auf die DDR lässt sich Bauers Begriff des "Unrechtsstaats" nicht anwenden

Leider scheint Steinkes Biografie Schule gemacht zu haben: Fritz Bauer, homosexuell, ein Jude, der sein Jüdischsein verheimlichen wollte, so war es zuletzt auch im Spiegel zu lesen. Umso wichtiger ist es, sich nüchtern an das zu halten, was man sicher weiß, so wie es die hervorragende Bauer-Biografie von Irmtrud Wojak aus dem Jahr 2009 und der seit 2010 weltweit immer wieder gezeigte Dokumentarfilm Tod auf Raten von Ilona Ziok tun.

1936 emigrierte Fritz Bauer nach Dänemark, wo er erneut interniert wurde, als die Deutschen 1940 das Land besetzten. 1942 gelang ihm die Flucht nach Schweden, 1949 kehrte er in seine Heimat zurück. Das Amt des Generalstaatsanwalts übte er von 1950 an in Braunschweig und dann von 1956 bis zu seinem Tod 1968 in Frankfurt am Main aus.

Bauer gehörte zu den wenigen unbelasteten Justizjuristen, die in der jungen Bundesrepublik eine Führungsposition einnahmen. Er war umgeben von Richtern, Staatsanwälten und sonstigen Beamten, die dem NS-Staat gedient hatten und bis auf wenige Ausnahmen im Amt belassen wurden. Während Bauer unbeirrbar für eine schonungslose Auseinandersetzung mit dem NS-Unrecht eintrat, sehnten sich seine Kollegen wie die Mehrheit der Bevölkerung nach einem Schlussstrich unter die Vergangenheit. "Wenn ich mein Dienstzimmer verlasse", kommentierte Bauer diese Lage, "betrete ich feindliches Ausland!"

Weithin bekannt machte Bauer 1952 der Remer-Prozess. Otto Ernst Remer, bis zu seinem Tod 1997 überzeugter Nazi, war an der Niederschlagung des Umsturzversuchs vom 20. Juli 1944 beteiligt. Noch 1951 bezeichnete er die Widerstandskämpfer öffentlich als Landesverräter. Bauer brachte ihn daraufhin wegen Verleumdung und Verunglimpfung vor Gericht. Sein Plädoyer lautete: "Ein Unrechtsstaat, der täglich Zehntausende Morde begeht, berechtigt jedermann zur Notwehr." Das Gericht folgte Bauer, Remer wurde zu drei Monaten Haft verurteilt, der er sich allerdings durch Flucht entzog. Der Prozess wurde zu einem öffentlichen Lehrstück und verhalf dem Widerstand des 20. Juli zu breiter Anerkennung. Der von Fritz Bauer geprägte Begriff des "Unrechtsstaats", den das Gericht in seinem Urteil übernahm, entzog zudem all jenen argumentativ den Boden, die ihre NS-Verbrechen mit dem Hinweis zu entschuldigen suchten, sie hätten doch nach damaligem Recht gehandelt.

Fritz Bauer hat den Unrechtsstaat begrifflich sehr restriktiv definiert, denn diese Kategorisierung legitimierte für ihn auch gewaltsamen Widerstand bis hin zum Tyrannenmord. Den Begriff auf die DDR anzuwenden, wie dies jüngst der Bundespräsident und die Bundeskanzlerin getan haben, hätte er gewiss nicht gutgeheißen. Er hatte bereits "erhebliche Zweifel", ob man das faschistische Italien so bezeichnen könne, weil es dort keinen "Feind" gab, den das System systematisch "auszumerzen" versuchte. Die Massenmorde, die im "Dritten Reich", aber auch in der stalinistischen Sowjetunion begangen worden waren, machten diese Regime für ihn zu Unrechtsstaaten. An kaum einem anderen Ort ließ sich dies eindringlicher verdeutlichen als am Vernichtungslager Auschwitz.

Ohne Bauer wäre die noch immer nicht geschlossene Akte Auschwitz vielleicht gar nicht erst aufgeschlagen worden. Die drei Frankfurter Auschwitz-Prozesse von 1963 bis 1968 hätte es nicht gegeben. Der Bundespräsident hat jüngst in seiner Rede auf dem 70. Deutschen Juristentag in Hannover gewürdigt, dass dank Bauer im ersten der drei Prozesse "gleich 22 Angeklagte vor Gericht standen und so ein komplexes Bild ihres schrecklichen Tuns in den Lagern gewonnen werden konnte".

Vor diesen Prozessen taten nicht wenige Deutsche die Bilder aus den befreiten Konzentrationslagern als Propaganda der Alliierten ab. Mein Vater, der als 21-jähriger Leutnant 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten war, hat mir berichtet, dass seine Kameraden und er nach einer Filmvorführung empört in ihre Baracken zurückgekehrt seien, weil die Amerikaner den Deutschen nach dem verlorenen Krieg auch noch "solche Schweinereien in die Schuhe schieben" wollten. Doch als zwei SS-Offiziere, die stumm geblieben waren, nach der Aufforderung, sich dazu zu äußern ("Ihr wisst es doch am besten!"), nur verlegen gegrinst hätten, sei eine Totenstille eingetreten, und keiner in der Baracke habe mehr an der Wahrheit des Gesehenen gezweifelt.