Feuilletonisten haben ja den Ruf, zu allem und jedem ihren Senf dazuzugeben und alles besser zu wissen, nur nicht, wie und woraus Senf eigentlich hergestellt wird. Sie wissen es nicht, weil ihre bevorzugte Arbeitsmethode darin besteht, herumzugrübeln. Manchmal führt aber auch diese Methode zu treffsicheren Ergebnissen. Beispielsweise im Fall der Schlagersängerin Helene Fischer.

Helene Fischer, die meisten wissen es, ist eine kleine, sehr blonde, sehr schmale, sehr erfolgreiche deutsche Schlagersängerin, deren Karriere steiler als steil verläuft. Mittlerweile wirbt Helene Fischer für ein Haarfärbemittel, für eine Buttermargarine und für das Kleidungssortiment eines Kaffeeherstellers. Helene Fischers Bühnenshows sind sehr akrobatisch, zu ihrem gesanglichen Repertoire zählt der Ohrwurm Aaaaatemlos durch die Nacht ... Das Lied muss nicht kommentiert werden. Aber irgendwas am Phänomen Helene Fischer wirkte merkwürdig, so eine Mischung aus puppenhafter Lächelhysterie und anorektischem Zähnezusammenbeißen.

Nun trat Helene Fischer ja vor ein paar Monaten an einem wunderbaren Sommertag beim Empfang unserer WM-Siegermannschaft auf der Bühne am Brandenburger Tor auf. Sie hüpfte in einem bauchfreien Hemdchen herum und sang, na ja, Aaaaatemlos durch die Nacht ... Auch an diesem Auftritt war irgendetwas seltsam. Damit sind nicht die künstlerischen Qualitäten Helene Fischers gemeint. Es schien sich um ein menschlich elementares und zugleich simples Symptom zu handeln. Helene Fischer wirkte ganz einfach unbeteiligt. Sie wirkte wie eine Supermarktkassiererin, die seit acht Stunden Lebensmittel über den Scanner zieht und keinen Nerv hat, kurz vor Feierabend mit den Käufern der Lebensmittel auch noch übers Wetter zu plaudern. Plötzlich war klar, was mit Helene Fischer los ist. Die Frau hatte keine Lust. Das war alles. Das ganze Phänomen Helene Fischer ließ sich in drei Silben zusammen fassen: Kei-ne-Lust. Man brauchte nur hinzuschauen und wusste Bescheid.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Ausgabe 47 vom 13.11.2014.

Helene Fischers Lustlosigkeit besaß die Evidenz eines Lehrbeispiels, weshalb die Tochter der Feuilletonistin gebeten wurde, sich kurz vor den Fernseher zu setzen. So, liebes Kind, sehen Menschen aus, die etwas machen, wozu sie keine Lust haben. Wenn du einen Rat willst: Vermeide, in eine derartige Lage zu geraten. Dies aber gilt nur für die großen Dinge des Lebens, Arbeit und Liebe. Nicht für den Abwasch in der Küche.

In einer unautorisierten Biografie ist jetzt zu lesen, dass die junge Helene Fischer, die ihre Zukunft im Schauspiel und im Musical sah, in Tränen ausbrach, als ihr Manager ihr bei einer Autofahrt erklärte, wohin die Reise beruflich gehe: Richtung Volksmusik und deutscher Schlager. Das könnte den Eindruck der Lustlosigkeit erklären. Um ihn zu gewinnen, reichte es tatsächlich aus, ein wenig vor sich hin zu starren.