DIE ZEIT: Herr Spahn, Sie kandidieren für einen Platz im engsten Führungsgremium Ihrer Partei, der CDU. Wie werden Sie sich nach der Abstimmung über Ihre Niederlage hinwegtrösten?

Jens Spahn: Wenn Sie das Ergebnis schon kennen, wissen Sie mehr als ich. Das Rennen ist offen.

ZEIT: Sie haben sich zu einer Kampfkandidatur entschlossen, was in der CDU sehr selten vorkommt, fast als unfein gilt. Warum sollte sich Ihre Partei für das Unfeine begeistern?

Spahn: Ich halte es für einen ziemlich normalen Vorgang, dass es auch mal mehr Bewerber gibt als Plätze. Vielleicht geht es in meiner Partei da manchmal etwas zu ruhig zu. Ich denke jedenfalls, dass es gut ist, wenn wir mehr diskutieren und mehr um Positionen ringen. Auch und gerade auf Parteitagen. Mein Eindruck ist, dass daraus eine ganz neue Geschlossenheit entstehen kann.

ZEIT: Hat die Kanzlerin Sie zur Kandidatur ermutigt und gesagt: Gute Idee?

Spahn: Nein. Ich habe eher von verschiedenen Seiten gehört: Du bist groß genug, um zu wissen, was du da tust.

ZEIT: Das konnten Sie auch als Drohung verstehen.

Spahn: Habe ich aber nicht.

ZEIT: Sie treten gegen Hermann Gröhe an, den Gesundheitsminister. Was bringen Sie mit, das er nicht hat?

Spahn: Ich trete nicht gegen jemanden an, sondern für die Junge Union und für die Mittelstandsvereinigung. Es tut der Volkspartei CDU gut, wenn zum Präsidium auch jemand unter vierzig gehört. Und ich bringe das ein, was uns Jüngeren wichtig ist. Weil wir schon so lange über den demografischen Wandel reden, denken viele, das Problem sei schon gelöst. Dabei fängt der gerade erst richtig an. Und wir müssen dringend den banalen Satz in Erinnerung bringen, dass wir nur verteilen können, was wir erwirtschaftet haben. Deutschland geht es momentan so gut wie seit zwanzig, dreißig Jahren nicht mehr. Das zu genießen, finde ich okay, solange wir gleichzeitig mit Reformen die Grundlagen für die Zukunft legen. Das tun wir noch zu wenig.

ZEIT: Und deswegen haben Sie im Bundestag bei der Rente mit 63 noch mal wie abgestimmt?

Spahn: Sie wissen genau, dass ich zugestimmt habe. In der Politik muss man auch Kompromisse machen. Aber wir jüngere Abgeordnete haben durch unsere Kritik an der Rentenpolitik der Regierung ja auch wichtige Änderungen erreicht. Da wäre es schlechter Stil, sich bockig in die Ecke zu setzen und zu sagen: Ich stimme trotzdem nicht zu.

ZEIT: Warum sollte es für irgendwen im Land einen Unterschied machen, ob Jens Spahn im CDU-Präsidium sitzt oder nicht?

Spahn: Das CDU-Präsidium wird weder mit mir noch ohne mich die Welt verändern, da bin ich Realist. Aber ich möchte zu einem neugierigen und offenen Blick auf die Zukunft beitragen. Neulich habe ich in der Fraktion bei einer Debatte zur digitalen Agenda gesagt, in zwanzig Jahren würden wahrscheinlich die meisten Autos ohne Fahrer unterwegs sein, und der Kühlschrank kauft selbstverständlich online den Nachschub ein. Da sagten einige: "Bloß nicht, um Gottes willen." Trotzdem wird es so kommen, und wir müssen uns entscheiden, ob wir verzagt abwarten oder den Wandel aktiv gestalten wollen. Zudem wäre meine Wahl auch ein Signal für eine junge Politikergeneration in Deutschland. Wir haben ja an vielen Stellen, auch in der Fraktion, in der Partei, in den Landtagen, profilierte junge Köpfe, und ich finde, die dürfen sich dann auch in der Parteispitze wiederfinden.

ZEIT: Was ist der gemeinsame Nenner der jüngeren CDU-Generation, die nach Politikern wie Peter Altmaier oder Norbert Röttgen kommt?

Spahn: Uns eint vor allem die gemeinsame Aufgabe, die CDU von morgen und übermorgen zu denken. Im Moment hat unser großer Erfolg natürlich ganz viel mit der Bundeskanzlerin zu tun. Irgendwann werden wir aber auch die Frage beantworten müssen, was uns auf lange Sicht sonst noch stark macht. Wie bleibt die CDU auf Dauer erfolgreich, was kommt nach Angela Merkel?

ZEIT: Sagen Sie es uns.

Spahn: Wir müssen die passende Politik entwickeln für eine Gesellschaft mit einer Informationsdichte, einer Mobilität und Internationalität, wie es sie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte gegeben hat. Bis ich 18 war, gab es für mich nur einen Kanzler: Helmut Kohl. Es gab sehr lange denselben Papst und überhaupt ein großes Gefühl von Sicherheit und Stabilität. Heute ändern sich viele Dinge wahnsinnig schnell. Vieles, was wir für selbstverständlich hielten, steht infrage. Dazu passt nicht, dass sich zu viele im Land in einer Komfortzone eingerichtet haben.

ZEIT: Momentan scheinen viele konservative Wähler mit der liberalen Gesellschaftspolitik der Union zu hadern, viele wenden sich auch deshalb der AfD zu. Um das zu verhindern wären Sie der Falsche, oder?

Spahn: Moment. Ich bin ein moderner Konservativer. Ich setze mich für die Rechte gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften auch deswegen ein, weil ich unterstützen will, dass Menschen sich binden. Wenn zwei Menschen einander versprechen, ein Leben lang füreinander einzustehen, ist das Ausdruck einer zutiefst konservativen, bürgerlichen Haltung.

ZEIT: Wie würden Sie als moderner Konservativer denn von der CDU enttäuschte AfD-Wähler zurückgewinnen?

Spahn: Ein Beispiel: Wir geben aus meiner Sicht aus einer falsch verstandenen Liberalität zu oft Rabatt auf unsere eigenen Werte. Ich will kein Verständnis dafür haben müssen, dass jemand, der aus einer anderen Kultur oder Religion zu uns gekommen ist, die Rechte von Frauen, Schwulen oder Juden infrage stellt, relativiert oder im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen tritt. Es irritiert mich zutiefst, wie blind viele sonst jederzeit empörungsbereite Linke und Linksliberale auf diesem Auge sind. Es kann gar nicht genug gegendert werden, der Feminismus setzt sich bis zu den Quoten in den Aufsichtsräten politisch korrekt durch, aber bei Zwangsheirat, Burka und Ausgehverbot werden Frauenrechte dann auf einmal relativ.