Das Pröttern der Fähre zerreißt die Stille des Nachmittags. Um mich herum nur saphirblaues Wasser, das in lapislazuliblauen Himmel übergeht. Von Adelaide ganz unten in Australien bin ich mit dem Bus an die Küste gefahren und pflüge nun eine Dreiviertelstunde lang durch den Indischen Ozean. Mein Ziel ist Kangaroo Island.

Auf dieser Insel leben die letzten ligurischen Honigbienen der Welt – seit 130 Jahren. In Europa sind ihre Stämme längst ausgestorben oder haben sich mit anderen Arten gekreuzt. Hier sind sie rein und gesund geblieben. Für Bienen vom Festland ist der Weg über das Wasser zu weit. Imker rühmen die ligurische Honigbiene seit je für ihren Fleiß und ihr sanftmütiges Wesen. Ich stelle mir ein Inselgärtchen voller Blüten, Wiesen und fröhlich summendem Bienenfleiß vor.

Kangaroo Island ist langgezogen wie Korsika und ziemlich genau halb so groß. Es wird bewohnt von 4.500 Menschen und ungefähr 600 Millionen Bienen. Die meisten Insulaner sind Landwirte und imkern nebenher. In dieser Hinsicht ist Steve Davidson eine Ausnahme. Der bärenhaft ruhige Mann mit den weißen Haaren hält über tausend Merinoschafe, 250 Angusrinder, und auf seinen Feldern blüht der Raps. Aber er besitzt keine einzige Biene. "Die haben mich nie interessiert", sagt er in seinem gemütlichen australischen Tonfall, der hier auf der Insel noch bedächtiger klingt. Steves Abwechslung vom Alltag besteht darin, dass er zweimal pro Woche in einem blitzblanken Jeep Besucher über die Insel fährt. Sein Auftraggeber beschäftigt nur Farmer als Fremdenführer: Sie lieben das Land, kennen jede Ecke und lassen sich von Extrawünschen der Gäste nicht aus der Ruhe bringen.

Die meisten Touristen buchen allerdings das Standardprogramm: An der Seal Bay im Süden wollen sie die Hunderte von Seelöwen sehen, die sich im zuckerfeinen Sand wälzen, am Hafen von Kingscote im Nordosten die schwarzglänzenden australischen Trauerschwäne, die fremdartig durchs Wasser gleiten. Und natürlich Koalas und Kängurus, die der Insel den Namen gaben. Das sanft geschwungene Farmland im Osten der Insel mit seinen goldleuchtenden Feldern und den knorrigen Bäumen erinnert an die Toskana. Hier sollen oft Koalas in den Eukalyptusbäumen am Straßenrand dösen und zutrauliche Kängurus über die Äcker springen.

Momente - Bienenvölker im Biosphärenreservat Schaalsee Bienen tragen den ersten gesammelten Nektar des Jahres und Pollen in ihren Bienenstock

Im Westen, wo weites Heideland den Flinders Chase National Park dominiert, liegen riesige Granitkugeln, von den Gezeiten ausgewaschen, wie prähistorische Schädel in der Küstenlandschaft. Sie werden remarkable rocks genannt und sind eine Hauptsehenswürdigkeit der Insel. Ebenso wie die Kolonie der seltenen Neuseeländischen Seebären, die ganz in der Nähe auf einem Felsvorsprung lebt. Kangaroo Island ist ein Traumziel für Tierbeobachter und Naturliebhaber. Erst seit 1968 gibt es ein Stromnetz. Auf der ganzen Insel existieren bloß zwei Ampeln. Sie haben Räder und werden nur aufgestellt, wenn an einer Straße Schlaglöcher ausgebessert werden müssen.

In der Nähe von Kingscote biegen wir an dem Schild "Clifford’s Honey Farm" ein und halten vor einem einfachen Haus, neben dem es aus einem scheunenhohen Eukalyptusbusch surrt, als wäre er mit elektrischem Draht gesichert. Es sind Bienen, die unsichtbar im Innern des dichten Grüns Nektar sammeln. Eine grobknochige Frau stellt sich als Sharon Clifford vor, die Tochter des Hauses. Energisch wie eine Grundschullehrerin referiert sie die wichtigsten Fakten: "Im April 1848 brachten europäische Einwanderer die ligurischen Honigbienen mit dem Schiff nach Kangaroo Island. Ihnen war nämlich aufgefallen, dass die Pflanzen, die sie in den Jahren zuvor eingeführt hatten, nicht blühen wollten." Man kann sich leicht vorstellen, wie Sharon hier als Mädchen auf die höchsten Bäume kletterte. Die Farm hat ihr Großvater gebaut. Damals lebte die Familie noch von der Schafzucht. Für Bienen interessierte sich auf der Insel kaum jemand.

In einem Nebenraum ist in einem engen Glaskasten ein Schaustock eingerichtet. Zu Zehntausenden wimmeln die geringelten Insekten mit zusammengefalteten Flügeln auf der Wabe übereinander. Einen Unterschied zu anderen Bienen erkenne ich zu meiner milden Enttäuschung nicht. Ein etwas größeres Exemplar trägt einen weißen Punkt auf dem Hinterteil. Das ist die Königin. "Wir verschicken jedes Jahr Tausende von ihnen in die ganze Welt", sagt Sharon. Sie kramt eines der Holzkästchen hervor, in denen die Königinnen auf die Reise gehen. Es sieht aus wie ein überdimensionierter, vergitterter USB-Stick aus Holz.

Sharons Vater brachte sich in den 1970er Jahren Bienenzüchten mithilfe von Büchern selbst bei. Jahre später, als der Markt für Schafprodukte in Australien einbrach, schwenkte er wie viele Bauern der Insel auf die Imkerei um. "Heute haben wir 300 Bienenvölker", sagt Sharon. "Und nicht mehr ein einziges Schaf."

Auf Kangaroo Island gibt es auch einheimische Bienen. Das sind aber einzelgängerische Wildbienen. Sie bilden keine Völker und kreuzen sich auch nicht mit Honigbienen. Weil die Bestäubung der fremden Pflanzen mit europäischen Bienen Erfolg brachte, erklärte die südaustralische Regierung Kangaroo Island bereits 1885 zum Bienenschutzgebiet – dem ersten der Welt. Seither sind keine anderen Bienenvölker mehr eingeführt worden. Wegen der Gefahr durch Krankheitserreger dürfen bis heute weder Honig noch benutztes Imkerzeug auf die Insel gebracht werden.

Im Hofladen hält mir Sharon einen Plastiklöffel hin. "Probier!" Ich versenke den Löffel in einem der offenen Gläser. Kein Vergleich zu dem zähen Gel, das man bei uns im Supermarkt bekommt. Der river red gum, Honig vom roten Eukalyptus, leuchtet wie flüssiges Kupfer. Er schmeckt kräftig nach Melasse und klebt fast gar nicht am Gaumen. Ich koste mich weiter vor. Der mallee stammt von jener Eukalyptusart, die in Büschen wächst. Ihr Honig ist herb, dunkelbraun und schmeckt nach Nadelwäldern und Borke. "Jede Jahreszeit bringt ihren eigenen Honig hervor, und je nach Witterung schmeckt auch der Nektar derselben Pflanzen jedes Jahr ein wenig anders", erklärt Sharon. Das hört sich fast an wie beim Wein.