Die Deutschen mögen den Kapitalismus nicht, und der Widerwillen steigt mit der zeitlichen Entfernung vom Realsozialismus, der vor einem Vierteljahrhundert zwischen Elbe und Ural an seinen Geburtsfehlern zugrunde gegangen ist. Drei Jahre nach dem Mauerfall assoziierte die Hälfte der Bürger den K. noch mit "Freiheit", 2012 war es nur noch knapp über ein Viertel. Eine gute Meinung von der sozialen Marktwirtschaft hatte im Jahre 2000 über die Hälfte, Anfang 2008 (vor dem Crash!) war es weniger als ein Drittel.

Dies ist umso erstaunlicher, als die Deutschen das Gegenmodell, den SED-Sozialismus, bis zur Vereinigung im eigenen Land betrachten konnten. Die Jüngeren können es nachlesen in André Steiners Von Plan zu Plan (2004), wo der Historiker erklärt, warum das System auf dem Müllhaufen der Geschichte landen musste. Bei Kriegsende war die Pro-Kopf-Leistung der Deutschen in Ost und West gleich. 1950 erwirtschafteten die Ostdeutschen 53 Prozent, im Jahr der Wende nur noch 31 Prozent im Vergleich zum Westen.

Der K. funktioniert offensichtlich besser als der Plan. Erstens: Im K. liegen die Produktionsmittel in privater Hand; wie der alte Adam so gestrickt ist, schafft Eigenbesitz den Anreiz zu Risiko und Leistung. Den Unterschied kann man sogar im demokratischen Kibbuz beobachten, so der noch sozialistisch organisiert ist: verkommen der kollektive Maschinenpark, fein herausgeputzt die privaten Häuschen.

Zweitens wird der K. nicht vom Plan gesteuert, sondern vom Preis. Der stellt das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage her; er signalisiert, was gebraucht oder verschmäht wird, und steuert so die Produktion in Bereiche, wo sie den höchsten Ertrag abwirft. Das können Bürokraten nicht, auch nicht westliche. In das Prestigeprojekt Concorde haben London und Paris Milliarden versenkt, bevor der Verlust-Jet im Museum landete.

Drittens Innovation: Wo Konkurrenz und "Gier" herrschen, entstehen Apple und Google – und in Deutschland die besten Autos der Welt. Der Realsozialismus, wo Initiative nicht dem Eigennutz gehorcht, erfüllt den Plan von gestern und verwaltet ständig den Mangel. Ein alter DDR-Witz: Einen Trabant kriegt man jetzt schon nach fünf Tagen – allerdings nach fünf Parteitagen, und die fanden nur alle vier Jahre statt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Ausgabe 47 vom 13.11.2014.

Weil der Preis kein Marktpreis war, kostete ein 256-KB-Schaltkreis 543 Ostmark – fast 30-mal mehr als auf dem Weltmarkt. Hier und heute setzt der Staat den Preis für Wind- und Solarstrom fest, ohne an die unerwünschten Folgen zu denken: zu viel und zu teuer, von den sinkenden Energiepreisen auf dem Weltmarkt ganz zu schweigen. In der DDR kletterten Subventionen 1989 auf ein Fünftel des Haushalts und verdrängten produktive Investitionen. So viel Misswirtschaft kann der K. nicht erzeugen, und die Quittung kam nach der Vereinigung, als die DDR als Sozialfall dastand.

Arm ist nicht gleich gerecht. Dennoch hat der K. eine schlechte Presse in Deutschland, der viertgrößten Wirtschaft. Doch blicken wir genauer auf die Umfragen (2012). Jeder Zweite findet den K. "nicht mehr zeitgemäß", aber nur jeder Vierte sagt das über die "Marktwirtschaft". Auf den ideologisch aufgeladenen Begriff kommt es also an. Ludwig Erhard, der 1948 gegen die Planwirtschaftler der CDU siegte, darf in Frieden ruhen.