Als man Arbeit noch nicht in lichtdurchfluteten Büros verrichtete, als der Angestellte sich noch im stählernen Gehäuse von Routine und Hierarchien befand, wandte sich ein anonymer Staatsbeamter an alle, die vorhatten, in der Welt ihr Glück zu machen.

Im obskuren Berliner Linser-Verlag erschien im Jahr 1919 ein Buch mit dem Namen Weltmännische Lebensklugheit. Im Zuchtmeisterton erteilt der Autor darin Ratschläge an Kaufmänner, Beamte und andere Karrierewillige, und sie betreffen sowohl die Kleidung ("niemals ein finsteres, geheimnisvolles Aussehen") als auch die Umgangsformen im Arbeitsalltag, in dem es eine "Mode des nichtsbedeutenden Geschwätzes" gibt, das man dringend erlernen sollte. Heute hieße das Small Talk.

Und womöglich hieße dieser Autor heute auch "Karrierecoach", spräche aus seinem Buch nicht eine umfassende Menschenskepsis. Das Buch ist im Bewusstsein geschrieben, dass wir "mehr durch den Schein beherrscht werden als durch die Wirklichkeit", durch Eitelkeit mehr als durch Altruismus. Die Welt der Arbeit ist feindselig, und die wenigen Erwählten, die in ihr Karriere machen, müssen sich verstellen oder darin umkommen.

Wer heute eine Ratgeberabteilung betritt, bemerkt, dass der Ton sich verändert hat. Man trifft auf keinen Pessimismus mehr, sondern findet sich inmitten von Horden freundlich zugeneigter Motivationstrainer, die uns mit zukunftsbegeisterten Imperativen das Innenleben neu möblieren möchten. Es ist kein Ende in Sicht: Glücks- und Selfmanagement-Ratgeber haben inzwischen ein epidemisches Ausmaß erreicht.

Bereits beim flüchtigen Blick in diese zeitgenössische Erweckungsprosa zeigt sich einerseits das Umerziehungsprojekt zur guten Laune, anderseits die Vorstellung vom Menschen als Mängelwesen, als metaphysisch entmietetes Würmchen, das die Gesellschaft in die Selbstverantwortung entlassen hat – die man mit ausgelassener Begeisterung begrüßen sollte, falls man nicht untergehen will.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Ausgabe 47 vom 13.11.2014.

Dass das Lebensglück bloß eine Frage der Einstellung sei, tritt indes in keinem dieser Bücher so unverhohlen zutage wie in den Anleitungen zu einer gelungenen Karriere. Und dieser Weg macht Spaß, sagen sie, und sie erzählen zugleich vom Kantersieg der guten Laune über die schlechte, vom Triumph des Positiven über das Negative, vom Sieg der Affirmation über den Zweifel. Der Optimist, der überall "spannende Herausforderungen" sieht, hat den Pessimisten an den Rand gedrängt, der überall eine Krise wittert. Sein "Schleier der Schwermut" (Schelling) wird ihm als Mangel an der richtigen Einstellung ausgelegt. Er gilt als Störfall.

Selten wurde der zeitgenössische Leistungsgedanke so elegant mit der Abstiegsangst verschmolzen wie in jenen Publikationen, auf deren Covern meist junge, leistungsbereite Menschen sich die Haare sensibel in die Stirn gekämmt haben, die ihr "eigenes Karrierepotenzial" entdecken wollen und im "Job richtig durchstarten". Oder man sieht die Lebenslaufburschen von morgen in eine großartige Zukunft hineinjubeln, als wäre eine da.

Dies ist die Epoche der "Fun Officers" und der "Happiness Engineers"

Es ist kein Zufall, dass sich gegenwärtige Glücksversprechen ausgerechnet am Sujet der Arbeit entladen, seit sie nicht mehr bloß das Auskommen sichern soll, sondern auch das Fortkommen. Seit das Ideal des Bürgers, der früh zur Arbeit geht und nach acht Stunden nach Hause kommt, höchstens noch ein drolliger Anachronismus ist.

Karriere für alle, das klingt ohnehin eher wie eine Drohung. Und der fröhliche Unternehmergeist verbirgt nur notdürftig die Unsicherheit, die ihm zugrunde liegt. In einer Gesellschaft, die allmählich begreift, dass es Verlierer geben muss, wirkt die Aussicht auf die Demokratisierung des Erfolgs wie eine alberne Utopie. Aber darin liegt der Trick dieser Bücher. Wenn der Angestellte, wie Ödön von Horváth sagt, "das Produkt aller Degradierungen" ist, dann ist der besinnungslos agile Selbstunternehmer womöglich die angemessene Reaktion. Er begreift die äußeren Umstände nicht mehr als Zumutung, sondern wandelt sie in Enthusiasmus um: in Flexibilität, Eigenverantwortung und Dauerverfügbarkeit.

Das sind nicht nur die Warmbadeworte, aus denen heute die Teleologie des Erfolges gebildet wird. Nicht nur die Begriffe, die sich die als Generation Y firmierende Alterskohorte im vorauseilenden Gehorsam als revolutionäres Gedankengut zueignet. Es sind auch die Decknarrative einer Arbeitsgesellschaft, die immer weniger Sicherheit anbietet und die Unsicherheit als Fortschritt feiert.

Man kann wahllos eines dieser Bücher aufschlagen, um Sätze zu entdecken wie: "Sicherheitsempfinden und Zufriedenheit mit dem Istzustand sind Leistungskiller." Weswegen dem karrierewilligen Menschen empfohlen wird, "lebenslang zu lernen". Damit ist nicht der Aquarellmalkurs gemeint, dessen höherer Zweck darin bestünde, hinterher in der Kreissparkasse ausstellen zu dürfen. Vielmehr soll man in Rhetorikseminaren seine Schlagfertigkeit trainieren, beim Jonglieren "Gehirnjogging" betreiben und in Kreativschulungen alles auf bunte Zettel schreiben, was einem durch den Kopf rauscht. "Entfaltungscoaches" helfen dabei. Letzte Zweifel an der Freiwilligkeit seines Tuns lassen sich neurolinguistisch umprogrammieren.