Die SS verdiente sechs Reichsmark, wenn Marian Szlachciński im Konzentrationslager Sachsenhausen einen Tag lang um den Appellplatz lief, bis zu 48 Kilometer am Stück, mit Blasen an den Füßen. Szlachciński war als junger Mann für zwei Jahre in dem Lager in Oranienburg bei Berlin inhaftiert. Drei Wochen lang gehörte er zum "Schuhläuferkommando". Die 120 bis 170 Gefangenen mussten täglich auf einer eigens angelegten Strecke über verschiedene Beläge marschieren: Schotter, Sand, Steine, Asphalt. Die Schuhindustrie zahlte dafür, weil sie herausfinden wollte, welche Schuhmodelle und -materialien am besten hielten. Viele der geschwächten Häftlinge starben nach ein paar Wochen.

Szlachciński überlebte, er ist heute 87 Jahre alt. Auf der Gedenkfeier zum 69. Jahrestag der Befreiung des KZs Sachsenhausen im Mai dieses Jahres läuft er wieder über den ehemaligen Appellplatz, gestützt auf einen Regenschirm. Ein paar Schritte hinter ihm geht eine Frau, deren Familie von seinen Gewaltmärschen profitierte. Doris Münch ist eine Großnichte des Weinheimer Unternehmers Richard Freudenberg, der die Produkte seiner Schuhfirma in Sachsenhausen testen ließ. Szlachciński zeigt ihr, wo seine Baracke stand.

Wie viele Menschen auf der Prüfstrecke starben, ist unklar. Manche Augenzeugen berichteten von Dutzenden täglich. Die SS-Aufseher prügelten die Häftlinge und ließen sie Lieder singen. Szlachciński waren die Schuhe meist zu groß. Einmal musste er einen Tag, eine Nacht und noch einen Tag lang durchmarschieren. Vorher bekam er Aufputschmittel. Es waren dieselben Drogen, die an der Front Soldaten wach hielten – die Nationalsozialisten kombinierten die Schuhtests mit medizinischen Experimenten.

Für die Industrie, und damit auch für Doris Münchs Familie, waren die Versuche äußerst wertvoll, denn sie regten Innovationen an: Man begann, Kunststoffe zu verwenden und Schuhe zu verkleben statt zu vernähen. Staat, Wissenschaft und Wirtschaft arbeiteten eng zusammen. Dass private Unternehmen involviert waren, hat allerdings lange Zeit kaum jemanden interessiert – bis die Historikerin Anne Sudrow vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam 2010 ihr Buch Der Schuh im Nationalsozialismus veröffentlichte. Darin konfrontierte sie die beteiligten Firmen mit ihrer Vergangenheit.

Alle gaben sie an, nichts von den Tests im KZ gewusst zu haben. Die drei wichtigsten Firmen waren die Gerberei Freudenberg – nach Hinzukauf des von jüdischen Eigentümern geführten Unternehmens Conrad Tack der zweitgrößte Schuhhersteller im Reich –, der Schuhhersteller Salamander aus Kornwestheim bei Stuttgart und der Leistenhersteller Fagus aus Alfeld an der Leine, der nach 1943 die Passform von Wehrmachtstiefeln zu verbessern half.

Die Unternehmen stellen sich der Vergangenheit nun auf sehr unterschiedliche Weise. Freudenberg-Erbin Doris Münch erschrak, als sie Sudrows Buch las. Sie gehört zu den rund 320 Gesellschaftern des Familienunternehmens, das heute ein Konzern mit 6,6 Milliarden Euro Jahresumsatz ist. Münch beschloss gemeinsam mit ihrer Cousine Dorothee Freudenberg und ihrem Cousin Peter Plieninger, der sich als Vorsitzender des Freundeskreises der Gedenkstätte Ravensbrück engagiert, nach Überlebenden zu suchen.

Fünf konnten die Mitarbeiter der Gedenkstätte Sachsenhausen für die Erben ausfindig machen. Einer von ihnen ist Marian Szlachciński. Er freute sich über die Anfrage. "Ich hätte nie gedacht, dass die Jugend sich dafür interessieren könnte", sagt er und meint Doris Münch, die selbst über 70 ist. Weitere ehemalige Häftlinge trafen die drei Erben in Warschau, Haifa und Amsterdam. Mit einem spontanen Spendenaufruf unter den Freudenberg-Gesellschaftern sammelten sie 120.000 Euro für die Überlebenden sowie für die Gedenkstätten Sachsenhausen und Ravensbrück. Szlachciński bezahlte mit den 5.000 Euro, die er bekam, eine Zahnoperation.

Die Initiative ist rein privat; die Unternehmensgruppe Freudenberg selbst hält sich vorerst bedeckt. Nachdem Sudrows Buch erschienen war, hat sie den Bonner Geschichtsprofessor Joachim Scholtyseck beauftragt, die Firmengeschichte von den zwanziger Jahren bis nach 1945 aufzuarbeiten. Im kommenden Jahr soll sein Buch fertig sein. So lange will die Freudenberg-Gruppe nichts unternehmen.

Anne Sudrow betrachtet das Ganze mit Skepsis. Sie wittert den Versuch einer Gegendarstellung. Auch die Initiative von Münch, Freudenberg und Plieninger sieht die Historikerin kritisch. Warum, fragt sie, erfolgte die Spendenaktion nicht offiziell im Namen des Unternehmens? Das hätte einen ganz anderen Charakter gehabt, sagen die Erben. Und: Es sollte schnell gehen.

Tatsächlich ist rasches Handeln in Unternehmensstrukturen oft schwierig. Das zeigt auch das Beispiel Salamander. Man habe keine Informationen mehr über die Materialtests, heißt es dort. Außerdem habe die Schuhsparte des Unternehmens seit 1945 dreimal den Inhaber gewechselt. Die jetzige Salamander GmbH wurde 2005 neu gegründet und 2009 vom Hersteller Ara übernommen.