Die Chefin des Erwachsenen- und Jugendschutzes kehrt gravierende Missstände unter den Teppich; ein Pfadilager endet mit Gewalt; ein Staatsanwalt muss einen heiklen Fall einstellen, weil er Fristen verpasst hat und dies vertuschen will.

Und die Medien? Sie berichten. Bei all diesen Beispielen aus der Stadt Biel haben sie ihre Wächterfunktion wahrgenommen. Trotz Klagedrohungen recherchierten lokale Medien wochenlang, nahmen unterschiedliche Standpunkte ein, beriefen sich zum Teil aufs Öffentlichkeitsprinzip und bekamen recht. Das blieb nicht ohne Folgen: Die Chefin wurde freigestellt, die Pfadi aufgelöst, der Staatsanwalt musste sich rechtfertigen.

Doch Biel ist ein Glücksfall. In der größten zweisprachigen Stadt der Schweiz existieren bis heute zwei Tageszeitungen, zwei Lokalradios, ein zweisprachiges Lokalfernsehen und eine bilinguale Wochenzeitung. Das ist nicht mehr selbstverständlich. Medienkonzentration, Spardruck, Entlassungen und Konvergenz haben dazu geführt, dass außerhalb der größten Städte auf lokaler Ebene weniger und auch weniger risikoreich nachgeforscht wird. Die Arbeitsbedingungen von Journalistinnen und Journalisten werden immer prekärer.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Ausgabe 47 vom 13.11.2014. Sie finden die Schweiz-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Welche Lokalredaktion kann es sich noch leisten, in mehrtägige Recherchen zu investieren – auf die Gefahr hin, dass sich die Story nicht "hart machen" lässt? Welche Redaktion macht sich noch die Mühe, mit einer Vorschau das Interesse für die bevorstehende Gemeindeversammlung zu wecken? Oder wenigstens im Nachhinein einen heiklen Entscheid der Gemeinde zu hinterfragen – und damit einen relevanten Beitrag zur politischen Meinungsbildung zu leisten?

In diesen Wochen streiten sich Journalisten, Politiker und Wissenschaftler wieder über die künftigen Aufgaben der SRG, über die sinkende Relevanz von Aufmacherstorys der leserstärksten Titel – und um die zunehmende Dominanz "qualitätsniedriger Medien", wie der Mediensoziologe Kurt Imhof die Blätter der 20minuten-Familie und Blick am Abend bezeichnet. "Es herrscht eine Diktatur der Reichweite", beklagte der Uni-Professor. Das Echo auf seine Branchenkritik war groß.

Derweil findet, weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit, der Abbau in der Lokalberichterstattung statt – und hat besorgniserregende Ausmaße angenommen.

Einst galt die Schweiz als das Land mit der weltweit größten Zeitungsdichte – auch aufgrund ihrer Viersprachigkeit und ihrer fein ziselierten Topografie. Doch seit den ersten Erhebungen des Verbandes Schweizer Medien 1939 ist die Zahl der Schweizer Medientitel von 406 auf 184 gesunken, trotz neuer Sonntags- und Gratistitel und obschon man die zahlreichen Kopfblätter als eigenständige Publikationen zählt. Bei den Informationsmedien verfügen die drei größten Schweizer Verlagshäuser über einen Marktanteil von 78 Prozent, in der Romandie beherrscht allein Tamedia 70 Prozent. Die Strukturkrise der Medien führte in den letzten Jahren zu einem massiven Abbau an Personal, Seitenumfängen und anspruchsvollen Inhalten.

Diese Entwicklung könnte man als unvermeidlichen, weltweiten Restrukturierungs- und Konzentrationsprozess abtun. Doch wirkt er sich in unserer direkten Demokratie besonders gravierend aus. In keinem anderen Land entscheidet das Volk über so viele politische Vorlagen. Und wer, wenn nicht die Medien, kann die Wahlberechtigten mit unabhängigen, kritischen und kontradiktorischen Informationen versorgen? Diese Rolle als echte "vierte Gewalt" können die Lokalmedien vielfach nicht mehr wahrnehmen.

Besonders augenfällig ist die Medienkonzentration rund um den Zürichsee unter den Fittichen von Tamedia. Noch vor 15 Jahren hat die damals unabhängige Zürichsee-Zeitung allein im Bezirk Horgen mit seinen über 120 000 Einwohnern vier Redaktionsbüros mit lokal verwurzelten Mitarbeitenden unterhalten. Heute sind nach Auskunft von Chefredaktor Benjamin Geiger noch zwei bis drei Journalisten an einzelnen Tagen vor Ort in Thalwil anwesend. Und obwohl die "Pfnüsel-" und die "Goldküste" so unterschiedlich sind wie die beiden städtischen Fußballclubs GC und FCZ, werden die 25 großen Seegemeinden plus ihr Hinterland faktisch nur noch von Zürich und Stäfa aus bedient.

Die Verleger, die unter anderem die Zürichsee-Zeitung , den Zürcher Oberländer, den Zürcher Unterländer, den Sihltaler und die Linthzeitung herausgaben, hatten sich zunächst erfolgreich gewehrt, als die finanzstarke Tamedia von 2005 an mit Regionalbüros und fünf Split-Ausgaben ihren Eroberungskampf am See lancierte. Wenig später wurden sie dennoch geschluckt. Damit hatten die Split-Ausgaben ihre Rolle erfüllt: Schon fünf Jahre nach ihrer Lancierung wurden sie ins Mutterblatt integriert – und das zuvor großzügig aufgestockte Personal wieder stark abgebaut. Nachdem Tamedia letztes Jahr auch die Tageszeitung der zweitgrößten Stadt im Kanton, den Winterthurer Landboten, übernommen hat, wird dieser derzeit mit den zugekauften Regionalzeitungen vom Zürichsee und weiteren Landgebieten verschmolzen. Der ökonomischen Logik folgend, wurde kürzlich denn auch die Schließung der Redaktionsbüros in Horgen und Rapperswil bekannt gegeben. Weitere werden folgen.

Dabei hieß es noch vor wenigen Jahren, dank Kooperationen im überregionalen Bund würden Mittel für den Lokalteil freigespielt. Und tatsächlich durften die Leserinnen und Leser eine Zeit lang von Synergieeffekten und Qualitätsverbesserungen profitieren, als die ersten Zeitungen begannen, ihre Korrespondentennetze im In- und Ausland zusammenzulegen. Heute beziehen alle Tamedia-Regionalblätter ihren nationalen Mantelteil von der Berner Zeitung, die als ländlich-konservativer Gegenpol zum städtisch-intellektuellen Kooperationsduo Tages-Anzeiger/Der Bund eine bewusst reduzierte und konservative überregionale Berichterstattung bietet. Die Bewohner der großstädtischen Schlafgemeinden Adliswil und Horgen erhalten ein weitgehend identisches Medienmenü mit denselben innenpolitischen Kommentaren vorgesetzt wie die Bergler aus dem bernischen Habkern und Frutigen.

Die lokalen Medien werden auf allen Kanälen an den Rand gedrückt

Ob das gut gehen kann – oder ob es ohnehin nur ein kalkulierter Zwischenschritt im Hinblick auf eine weiterführende Integration ist? Trotz hervorragenden Halbjahresresultats mit zweistelligen Ebit-Margen von 17,3 Prozent im Printbereich forciert Tamedia ihren Sparkurs. Schon vor einigen Jahren hat das Verlagshaus in Planspielen durchgerechnet, wie man etwa das Bieler Tagblatt auf ein paar Regionalseiten der Berner Zeitung zurückstutzen könnte. Noch hält Verleger Marc Gassmann den Verlockungen aus Zürich stand, denn er weiß um die identitätsstiftende Brückenfunktion seiner Zeitungen zwischen Deutschschweiz und Romandie. Aber auch er musste substanzielle Sparrunden durchdrücken.

Selbst die NZZ-Mediengruppe kann sich der Entwicklung nicht entziehen. Zwar hat die "alte Tante" in der Zentrale einige hoch qualifizierte Journalisten verpflichtet wie Colette Gradwohl, die frühere Chefredaktorin des Schweizer Radios. Doch bei den hauseigenen Regionalzeitungen, allen voran in der Ostschweiz, werden Stellen abgebaut und Redaktionen zusammengelegt. So wird das St. Galler Tagblatt neu aus Luzern gemanagt, und auch die Redaktionen sollen noch enger zusammenarbeiten. Dabei geht erneut ein Stück kultureller Identität und Meinungsvielfalt verloren. Kurzum: Echte Wettbewerbsvielfalt gibt es in der Schweiz nur noch in der Medienhauptstadt Zürich.

Ist diese Entwicklung zum publizistischen Einheitsmenü unaufhaltsam? Oder kann sie durch neue Onlinemedien kompensiert werden?

Leider funktioniert das nur beschränkt. Denn dieselben Medienmarken dominieren und kooperieren auch online, wie das Beispiel des Newsnetz zeigt, das neben Tages-Anzeiger und Bund auch die verlagsexterne Basler Zeitung und neuerdings Texte aus 20minuten umfasst. Zwar gibt es löbliche Ausnahmen, neben Biel gehört auch Schaffhausen dazu, wo eigenständige Verleger trotz Spardruck örtliche Eigengewächse auf allen Kanälen hegen; oder in der Region Basel, wo ein Portal wie onlinereports sich seit bald zwei Jahrzehnten unabhängige Recherchen leistet. Das alles sind aber Ausnahmeerscheinungen, die von starken Verlegern und Journalisten geprägt werden: Marc Gassmann in Biel, Norbert Neininger in Schaffhausen, Peter Knechtli in Basel.

Natürlich bieten gerade auch die sozialen Medien neue Möglichkeiten für alle, sich zu informieren und mitzuteilen. Allerdings um den Preis der fehlenden Tiefe, der Emotionalisierung, der Boulevardisierung und der Beliebigkeit. Wenn politische Entscheide auf Shitstorms oder Listicles basieren, nimmt das Risiko von Zufalls- und Bauchentscheiden zu – Urnengänge werden unberechenbar. Das kann nicht im Sinne einer der ältesten Demokratien der Welt sein.

Was also ist zu tun? Erfolgreiche Ansätze gibt es im Ausland, wo etwa die deutsche Bundeszentrale für politische Bildung subsidiär wichtige Aufgaben im Weiterbildungsbereich übernommen hat und an unentgeltlichen Modellseminaren Impulse und inhaltliche Grundlagen für Lokaljournalisten liefert. Ein erfolgversprechendes Modell, welches das Bundesamt für Kommunikation bei den Lokalradios verfolgt. Auch die in Skandinavien verbreitete marktbeeinflussende Förderung von Zweit- und Drittmedien, die neben den großen Platzhirschen bestehen sollen, hat sich bewährt; ebenso zukunftsträchtig ist die von der Eidgenössischen Medienkommission vorgeschlagene gezielte Unterstützung einzelner gemeinnütziger Webplattformen oder stiftungsgetragener Publikationen.

Leider werden die Ideen von führenden Verlagsmanagern und Verlegern pauschal als unnötige und gefährliche staatliche Einmischung verteufelt. Dabei zeigt das Beispiel der privaten elektronischen Medien, wie die staatliche Unterstützung im Lokalbereich mit Konzessionsgeldern und Leistungsvorgaben an relevante Inhalte und Weiterbildungsvorgaben geknüpft werden kann. Diese Subventionen an Private werden im revidierten Radio- und Fernsehgesetz aufgestockt – und könnten auf den Print- und Onlinesektor ausgedehnt werden. Denn auch sie bieten einen Service public, gerade wenn sie über lokale Politik und Kultur berichten. Das gilt in besonderem Maße für Lokalzeitungen, die mehr Tiefe und Breite anbieten als etwa die Regionaljournale des Schweizer Radios.

Von der zerstrittenen und segmentierten Medienbranche selber kamen kaum innovative Ideen – trotz enormen Spar- und Leidensdrucks. SRG und Private, Große und Kleine bekämpfen sich seit vielen Jahren, der federführende Verlegerverband kämpft mit internen Querelen und konnte sich mit den Gewerkschaften seit Jahren nicht mehr auf einen Gesamtarbeitsvertrag verständigen. Einziger Branchenkonsens ist die Ablehnung der direkten Medienförderung und das Beharren auf Subventionen für die Postzustellung von Zeitungen und Zeitschriften. Diese überholte Fördermethode mit der Gießkanne – für die Post ein millionenschweres Verlustgeschäft – kennen neben der Schweiz nur noch Dänemark und Schweden. Alle anderen europäischen Länder haben auf direkte Förderung umgestellt.

Von der helvetischen Pattsituation profitieren neue, technologiegetriebene Anbieter wie Swisscom, Google oder Samsung, die selber zu Inhaltslieferanten werden. Wenn die Schweizer Medien angesichts der rasanten und kostspieligen technologischen Entwicklung mithalten wollen, sollten sie zumindest im digitalen Bereich ihre Scheuklappen ablegen, miteinander kooperieren und sich die Kosten teilen – um sich auf ihre Kernkompetenz, die journalistischen Inhalte, zu konzentrieren. Doch das Beispiel des hybriden Fernsehens HbbTV zeigt, wie beharrend die Branche handelt. Sie hat die Einführung von HbbTV unlängst pauschal abgelehnt, obwohl die Technologie für regionale Medien große Chancen bieten würde. Sie könnten ihre lokalen Zielgruppen mit neuen Erzählformen ansprechen – und maßgeschneiderte Werbung verkaufen. Das hybride Fernsehen böte bei Sportanlässen, Wahlen und Abstimmungen interaktive, individuell abrufbare Informationen in einem ungekannten Detaillierungsgrad bis hin zu örtlich begrenzten Live-Debatten mit den Zuschauern.

In über 20 europäischen Ländern ist HbbTV Standard. Nur die besonders wertkonservativen Schweizer Verleger sind dagegen, weil die Neuerung von der falschen Seite getrieben wird: vom Teletext, der zur SRG gehört – und diese wird seit Jahrzehnten bekämpft. Wegen des Widerstands hat das Bundesamt für Kommunikation die Einführung von HbbTV um ein Jahr zurückgestellt. Dabei wäre aus der Entwicklungsgeschichte des Schweizer Privatfernsehens eigentlich bekannt, was passiert, wenn man Däumchen dreht: Große ausländische Anbieter übernehmen das Feld.

So wird die lokale Medienvielfalt in den nächsten Monaten weiter verkleinert: Durch die Konzentration der Verlage, durch die zunehmende Bedeutung von technologischen Killerapplikationen, durch die Kommerzialisierung und Globalisierung von Medieninhalten. Mit Ausnahme von Nischen werden die lokalen Medien auf allen Kanälen an den Rand gedrückt. Und diese Entwicklung ist viel gravierender als die in zahlreichen medienkritischen Studien beklagte Skandalisierungslust der Schweizer Medien. Anders gesagt: Verliert ein weiteres Regionalblatt seine Unabhängigkeit, ist das ungleich dramatischer, als wenn sich die NZZ über das Coming-out eines Apple-Managers im fernen Kalifornien empört. 

Die Journalistin Catherine Duttweiler arbeitete zuletzt beim "Bieler Tagblatt" von 2005 bis 2011 publizistisch. Sie war dort Chefredaktorin. Seither ist sie als Beraterin in der Kommunikation tätig. Bekannt wurde sie mit ihrer Biografie über Elisabeth Kopp, die erste Bundesrätin der Schweiz. Nach der Ringier-Journalistenschule arbeitete sie unter anderem bei der "Sonntagszeitung". Sie gehörte zum Gründungsteam von "Facts", war später Mitglied der Chefredaktion der "Basler Zeitung" und leitete die Redaktion von Radio DRS3.