Irgendwann am Abend des 17. Juli, als die Nachricht von MH17 um die Welt geht, wird ein weiteres Video von Buk 3x2 aufgenommen. Der Raketenwerfer ist zurück auf dem Tieflader, der mit hoher Geschwindigkeit an einem Werbeschild vorbeifährt und hinter einem Baum verschwindet. Das Tarnnetz, das vorher die Raketen bedeckte, ist entfernt worden, der Blick auf die Abschussrampe ist frei. Nicht vier Raketen sind dort zu sehen, sondern drei. Eine Rakete fehlt, die zweite von rechts.

Das russische Verteidigungsministerium hat die Bedeutung dieses Videos offenbar erkannt. Auf einer Pressekonferenz vier Tage später behauptet ein Sprecher, es sei in Krasnoarmejsk entstanden, einer Stadt, die sich unter der Kontrolle der ukrainischen Armee befindet. Als Beweis führt er das Werbeschild aus dem Video vor. Er zeigt ein Standbild davon, es ist unscharf. Darüber ist eine kleine Sprechblase montiert, in der angeblich der vergrößerte Text des Schildes steht. Die Adresse eines lokalen Autohändlers. Dnipropetrowsk-Straße 34.

Das stimmt nicht, wie Bellingcat herausgefunden hat. Sie haben einen Unterstützer in der Ukraine an den Ort geschickt, an dem das Video aufgenommen wurde, um dort Fotos zu machen. Das Ergebnis: Auf dem Schild steht keine Adresse. Dort steht "landesweiter Autohändler". Das Bild von der russischen Pressekonferenz ist eine Montage.

Das Bild von der russischen Pressekonferenz ist eine Montage

Das Video ist auch nicht in Krasnoarmejsk entstanden, wie die Russen behaupteten, sondern in Luhansk, an einer Straßenkreuzung im Westen der Stadt, etwa 75 Kilometer nördlich von Snischne. Kontrolliert wird sie nicht von der ukrainischen Armee, sondern von den prorussischen Separatisten.

Der endgültige Beweis, dass die Separatisten MH17 mit dem russischen Buk abgeschossen haben, sind auch die Bellingcat-Recherchen nicht. Vielleicht wird es ihn nie geben. Aber sie ergeben eine dichte Indizienkette, in die sich die abgehörten Telefonate, die von der ukrainischen Regierung veröffentlicht und zunächst angezweifelt wurden, nahtlos einfügen. Ihre Authentizität lässt sich nicht überprüfen. Darin bestätigen angeblich Separatisten, dass sie eine zivile Maschine abgeschossen haben. Es klingt nach einem Versehen.

Auch Wolfgang Richter von der SWP vermutet, dass die Separatisten das Flugzeug abgeschossen haben. Seiner Meinung nach kannten sie sich mit dem Buk-Raketenwerfer nicht gut genug aus. Womöglich hatten sie sogar den Automatikmodus aktiviert. In diesem Modus ortet das Radar automatisch heranfliegende Flugzeuge und schießt innerhalb von Sekunden eine Rakete ab, wenn der Vorgang nicht manuell abgebrochen wird. Dieser Modus war im Kalten Krieg eingebaut worden, weil man mit groß angelegten Luftangriffen des Feindes rechnen musste, mit Hunderten Maschinen gleichzeitig.

Vielleicht haben sich Wasilij und seine Kameraden gewundert, warum auf dem Rückweg nach Kursk Raketenwerfer 3x2 in ihrem Konvoi fehlte. Aber für sie dürfte etwas anderes wichtiger gewesen sein. Sie sind befördert worden. Nach der erfolgreichen Übung sind sie nun Leutnants. Die Zertifikate haben gleich mehrere im Internet gepostet.

*Alle Uhrzeiten beziehen sich auf ukrainische Zeit