Über den Köpfen der Studenten baumeln Funkmikrofone, Kameras schauen von der Decke. Die Wände des Raums sind schallgedämpft, auf jedem Tisch liegt ein Tablet-Computer. Es ist ein ungewöhnlicher Kurs, der sich an diesem Morgen an der Münchner Burmesterschule trifft. Schon um viertel vor acht sitzen hier Studenten. Sie tragen Strumpfsocken oder Hausschuhe – so wie die Mädchen und Jungen der 4a, die gleich dazustoßen werden.

Der mit Technik vollgestopfte Raum ist eine "Uni-Klasse", eine Mischung aus Universitätsseminar und Schulklasse. An drei Münchner Grundschulen hat die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) solche pädagogischen Werkstätten eingerichtet. Hier sollen Studierende vom ersten Semester an Erfahrungen beim Unterrichten sammeln und diese per Video dokumentieren. Gleichzeitig testen sie den Einsatz digitaler Medien in der Praxis. Ob Laptop oder Tischcomputer, iPad oder Smartboard, in der Uni-Klasse fehlt keine Technik.

Vor fünf Jahren hatte Michael Kirch die Idee zu den Uni-Klassen. Heute gibt der wissenschaftliche Mitarbeiter der LMU fast alle seine Seminare hier. Unter den Studenten ist Kirch als "der Computerfreak" am Lehrstuhl bekannt. Seit rund zwanzig Jahren erprobt der Münchner, wie sich die neuen Medien mit dem traditionellen Schulalltag verbinden lassen. Mit den Uni-Klassen haben er und seine Münchner Kollegen ein deutschlandweit einmaliges Lernlabor geschaffen, in dem sich pädagogische Wissenschaft und ihre Anwendung direkt begegnen.

Lesen Sie dazu auch "Anschluss verschlafen" in der ZEIT Ausgabe 47 vom 13.11.2014.

Im laufenden Kurs lernen die Studenten, wie man ein digitales Schulbuch erstellt: mit Dokumentarfilmen und animierten Erklärungen, Lernspielen und Rechercheaufträgen im Internet. Heute jedoch sollen sie erst einmal herausfinden, wie die Grundschüler herkömmliche Sachbücher nutzen. Gemeinsam mit den Viertklässlern stöbern sie in Fibeln, Lexika und Was ist was- Bänden. Einige Studenten dokumentieren per iPad-Kamera, wie die Kinder durch die Bücher blättern. Andere interviewen die Schüler zu ihren Vorlieben: Welche Bücher liest du zu Hause? Besuchst du die Bibliothek? Wie oft nutzt du den Bücherbus?

Grundschüler und Studenten sitzen zusammen im Unterricht

Viel erklären muss Michael Kirch heute morgen nicht mehr. Denn die Arbeitsaufträge hat er den Studenten schon vor ein paar Tagen gepostet. Wie alle Kurse organisiert Kirch auch diesen über die Plattform Edmodo, eine Art Facebook für Schulklassen und Uni-Seminare. Hier finden die Studenten Literaturlisten und Kopiervorlagen sowie Kirchs Aufgaben, wenn er selbst verhindert ist. Auch den Multiple-Choice-Test am Abschluss seiner Vorlesungen organisiert das Computerprogramm – samt Korrekturen. "Ansonsten würde ich die vielen Prüfungen, die seit einigen Jahren im Bachelorstudium anfallen, gar nicht schaffen", sagt Kirch.

Noch bevor das Seminar beginnt, hat der Didaktiker sein iPad schon mit der digitalen Tafel im Raum verbunden. Die ganzen anderthalb Stunden wischt und tippt er auf dem Gerät herum, macht sich auf dem Bildschirm Notizen, zaubert Filmchen hervor, veranstaltet kleine Quizaufgaben. Selbst der Gong, der nach der Runde mit den Schülern für Ruhe sorgt, stammt von einer virtuellen Klangschale aus dem App-Store. "Ich habe noch nicht erlebt, dass er irgendwann einmal einen Zettel ausgeteilt hat", sagt ein Student, der bereits zum zweiten Mal eine Uni-Klasse besucht.

Die Zahl der deutschen Professuren für Medienpädagogik geht zurück

Michael Kirch ist kein Medienpädagoge. Das heutige Seminar trägt den nüchternen Titel: "Das Buch im Sachunterricht der Grundschule". Als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der LMU vermittelt Kirch angehenden Lehrern das Abc der Primarschuldidaktik. Dabei freilich nutzt der Dozent die digitalen Medien, wo immer es möglich und sinnvoll ist: ob im Kurs zur Rechtschreibung, im Seminar zur Klassenführung oder zur Sachkunde. Und so wünscht sich Kirch auch jeden Unterricht, an der Universität wie in der Schule.