Manches Mal ist die Islamische Glaubensgemeinschaft selbst ihr größter Feind. Die Verwirrung, die um das geplante Bildungszentrum in der Florian-Hedorfer-Straße in Wien-Simmering herrscht, nährt die Befürchtungen, ein Teil der österreichischen Muslime würde sich in ein theologisches Paralleluniversum zurückziehen wollen. Ursprünglich war die Errichtung eines Kindergartens angekündigt worden. Dann stellte sich nach einer Planänderung heraus, dass auf Betreiben der türkischen Behörden eigentlich ein privates religiöses Oberstufengymnasium errichtet werden soll, dessen Abschlusszeugnis nur in der Türkei anerkannt wird, weil gar kein Öffentlichkeitsrecht angestrebt ist. Der Bauträger dieser als "Imam-Schule" gebrandmarkten Bildungsstätte, die Islamische Föderation, ein Ableger der weltweiten Milli-Görüș-Bewegung (Nationale Sicht), lieferte so mit ihren nebulosen Auskünften den Freiheitlichen eine ideale Bühne, um bei einer Demonstration in der vergangenen Woche die islamophobe Grundstimmung weiter anzuheizen.

Das Verhältnis der Österreicher zu der zweitgrößten Religionsgemeinschaft des Landes, der über eine halbe Million Menschen zugerechnet werden, ist seit Langem getrübt. Muslime stehen unter dem Generalverdacht, besonders anfällig dafür zu sein, in einen radikalen Islamismus abzugleiten. Milli Görüș etwa gilt als der bestorganisierte konservativ-islamische Dachverein in Europa und hat angeblich 9.500 Mitglieder allein im Großraum Wien (ZEIT Nr. 30/13). Für die freiheitliche Propaganda lag daher die Schlussfolgerung auf der Hand, Ziel der Milli-Görüș-Schule könne es nur sein, "Hassprediger" heranzuziehen. Eine Milchmädchenrechnung: Würde beispielsweise die katholische Opus-Dei-Sekte die Gründung eines privaten Theologie-Seminars mit lateinischer Unterrichtssprache anstreben, käme niemand auf die Idee, dadurch sollten insgeheim die mittelalterlichen Methoden der Inquisition samt Ketzerverbrennung wieder eingeführt werden.

Den Muslimen gelingt es hingegen trotz aller Bemühungen nicht, die Befürchtungen, ihre Glaubensangehörige seien unzuverlässige Staatsbürger, zu zerstreuen. Wohl unbeabsichtigt leitet diese Besorgnis auch die Diskussion um das neue Islamgesetz, dessen Begutachtungsfrist soeben zu Ende gegangen ist. Es soll ein Regelwerk ersetzen, das noch aus dem Jahr 1912 stammt. Ziel war es damals nach der völkerrechtlich umstrittenen Annexion von Bosnien-Herzegowina, die mehrheitlich muslimischen Bewohner der neuen Provinz legistisch in das Reichsganze der Habsburgermonarchie zu integrieren. Ziel sollte es heute sein, zeitgemäße Rahmenbedingungen für eine Religionsgemeinschaft in einer säkularen Republik zu schaffen – und nicht, wie es einige Passagen des Gesetzesentwurfes nahelegen, staatliche Kontrollinstrumente über die Glaubensausübung eines offenbar suspekten Bekenntnisses zu implementieren.

Die ursprüngliche Forderung, von der nun ein wenig abgerückt wurde, die Islamische Glaubensgemeinschaft müsse eine einheitliche und verbindliche Koran-Übersetzung in deutscher Sprache bei den Behörden einreichen, ist von solch einem Vorbehalt getragen. Ganz so, als würden sich in dem für die meisten unverständlichen Kauderwelsch der Suren verfassungsfeindliche Botschaften verbergen. Das ist natürlich reiner Unsinn. In jeder Religion existieren unterschiedliche Auslegungen uralter, meist kryptisch gehaltener Texte neben- und konkurrieren miteinander. Das ist natürlich im dezentralen Islam, in dem mehrere Autoritäten die Schriften interpretieren, nicht anders. Nicht einmal dem streng hierarchischen Katholizismus gelingt es, ein homogenes, widerspruchsfreies Glaubensgebäude zu errichten.

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Intention des neuen Gesetzes sei es, sagten die beiden verantwortlichen Minister Sebastian Kurz und Josef Ostermayer, einen "österreichischen Islam" im Land zu verankern. Dabei kann es sich allerdings nur um ein Phantom handeln, denn für die Glaubensinhalte und Riten einer Weltreligion sind staatliche Grenzen bedeutungslos. Wie das Christentum basiert auch der Islam auf einem universellen Heilsversprechen und im Dschanna, dem Garten Eden der Muslime, ist gewiss kein Winkerl für Leute mit der Rot-Weiß-Rot-Card reserviert.

Insofern ist auch der am meisten umstrittene Passus des neuen Islamgesetzes widersinnig: Er schreibt vor, muslimische Glaubenseinrichtungen dürften sich nur aus in Österreich generierten Mitteln finanzieren. Niemand verlangt das etwa von orthodoxen Christen, die natürlich von ihren Kirchenzentren alimentiert werden, oder von den Mormonen, die von den Glaubensbrüdern ihres Heimatstaates Utah großherzige Unterstützung erfahren.

Gleichviel, für Muslime scheinen in Österreich andere Maßstäbe zu gelten. Und daran sind sie nicht unbeteiligt. Zu lange haben sie es zugelassen, dass sich die türkische Religionsbehörde die kulturelle Hegemonie über den gesamten Islam in Österreich angeeignet hat. Der erscheint nun wie ferngesteuert von sinistren Hintermännern in Ankara.

Ein Vorhaben wie das mysteriöse Religionsgymnasium in Simmering nährt nur diesen Verdacht. Doch die Vertreter der Islamischen Glaubensgemeinschaft finden keine klaren Worte. Sie werden daher wahrscheinlich das fragwürdige Religionsgesetz erhalten, das sie verdient haben.