William und Kate auf Staatsbesuch in Australien © dpa

Vor ziemlich genau 61 Jahren schrieb Graham Holden das erste Mal einen Brief an die Queen. Zu seinem zehnten Geburtstag habe er einen Metalldetektor bekommen, schrieb der Dreikäsehoch seiner Monarchin, und nun wolle er "ergebenst um die Erlaubnis bitten, auf dem Grund und Boden Ihrer Majestät" auf Schatzsuche gehen zu dürfen.

Man kann sich denken, dass Graham Holden nicht den Garten des Buckingham Palace meinte. Vielmehr sollte sein technisches Wunderwerkzeug auf den Wiesen hinter dem Häuschen seiner Eltern am Rande von Woodbridge in der Grafschaft Suffolk zum Einsatz kommen. Nur dass diese Auen seit Oktober 1066 der Krone gehören. Das ist zwar beinahe tausend Jahre her, rechtlich aber genau verbrieft, weil in jenem Jahr der Normanne Wilhelm der Eroberer den englischen Thron nach einer feindlichen Übernahme bestieg – und sämtliche Ländereien, die nicht der Kirche gehörten, als Erbgut auf seinen Namen übertrug.

Das war so üblich damals, und es half ihm und seinen Nachfahren, ihre Macht zu sichern. Tapfere Soldaten, unentbehrliche Berater, politische Freunde und noch mehr gefährliche Gegner wurden über die nächsten Jahrhunderte mit einem Stück Land bedacht, bestochen oder ruhiggestellt. Bei aller Großzügigkeit blieb für Englands Könige genügend Grund und Boden als verlässliche Einkommensquelle übrig. Und trotz aller Liebe der Briten zur Tradition hat sich die Geschäftsform, unter der die königlichen Liegenschaften verwaltet werden, der Zeit angepasst. 1961 wurde Crown Estate gegründet, eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, die heute 144.000 Hektar land- und forstwirtschaftliche Fläche sowie 2,6 Millionen Quadratmeter Wohn- und Gewerbeimmobilien verwaltet. Buchwert: rund acht Milliarden Pfund, was zehn Milliarden Euro entspricht.

So sind die Auen hinter Holdens Garten, genau wie zahlreiche Paläste, Einkaufsmeilen in englischen Großstädten und Viehhöfe in den schottischen Highlands, nur noch nominell im Besitz ihrer Majestät. Eigentümer ist der Steuerzahler, dessen Interessen als Anleger vom Parlament vertreten werden. Keiner weiß, ob der Queen die Wehmut durch die Knochen fährt, wenn sie daran denkt, dass ihr Wochenendschloss Windsor Castle nicht mehr ihr gehört, sondern ihren Untertanen. Sicher ist nur, dass sie sich für die Bilanz von Crown Estate interessieren muss, denn ihr Budget als Staatsoberhaupt errechnet sich aus der Bilanz der Immobiliengesellschaft. Derzeit sind es 15 Prozent des Nettogewinns oder 38 Millionen Pfund (48 Millionen Euro), die das Königshaus bekommt. Der Historiker Lord Peter Hennessy beschreibt den Mechanismus als "elegante Daumenschraube, die den königlichen Haushalt zur Sparsamkeit animiert". Wie teuer der Wein sein darf, der bei offiziellen Empfängen ausgeschenkt wird, und ob William und Kate im Privatjet zum Staatsbesuch nach Australien fliegen oder ein Ticket bei British Airways buchen, hängt also letztendlich vom britischen Immobilienmarkt ab. "Es ist kurios", gibt Hennessy zu, "aber noch mehr als unser Königshaus lieben wir Briten eben die freie Marktwirtschaft."

Die Sahnestücke der Kronimmobilien liegen in der Londoner Innenstadt. Dazu gehört auch die Regent Street, eine Shoppingmeile mit eleganten Sandsteinfassaden aus dem 18. Jahrhundert. Auch die schwere Wirtschaftskrise, die Großbritannien kürzlich erlebt hat, konnte dieser Art Gewerbeimmobilien im Herzen einer globalen Metropole wie London nichts anhaben, so der Analyst Mat Oakley von der Maklergruppe Savills. "Die Bilanzen von vielen Immobiliengesellschaften wurden in den vergangenen Jahren durch angehäufte Mietrückstände stark getrübt. Bei Crown Estate aber lagen sie 2013 nur bei vier Prozent der Gesamteinnahmen dieser Sparte." Wer große Shops in bester Lage verwaltet, kann sich auf Mieter wie Burberry, Apple und Levi’s verlassen.

Für die Geschäftsführerin von Crown Estate, Alison Nimmo, gehört aber mehr zum Erfolg als nur die Innenstadtlage. "Kaum eine andere Stadt in der westlichen Welt entwickelt sich so rasant weiter wie London", erklärt sie. "Hübsche Fassaden allein reichen da nicht, um den Status der Regent Street als erste Einkaufsadresse langfristig zu sichern." Deswegen habe Crown Estate ein Sanierungsprogramm von einer Milliarde Pfund gestartet. "Unsere Büro- und Ladenflächen in der Regent Street und im benachbarten Stadtteil St. James’s zählen damit zu den modernsten Gewerbeimmobilien in der ganzen Stadt", sagt Nimmo.